Brandstiftung in Flüchtlingsheim als "Schande für Tröglitz"

In diesem Haus in Tröglitz sollen ab Anfang Mai bis zu 40 Asylbewerber unterkommen.
In diesem Haus in Tröglitz sollen ab Anfang Mai bis zu 40 Asylbewerber unterkommen.
Foto: dpa
Nach dem Feuer in einer Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz in Sachsen-Anhalt geht die Polizei von Brandstiftung aus. Der Vorfall sorgt für Entsetzen.

Tröglitz.. In Tröglitz ist nach wochenlangen Protesten Rechtsextremer gegen die Aufnahme von Asylbewerbern in dem geplanten Flüchtlingsheim ein Feuer ausgebrochen. Die Staatsanwaltschaft stuft den Brand als "definitiv besonders schwere Brandstiftung" ein. Eine politisch motivierte Tat könne nicht ausgeschlossen werden, sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann am Samstag in Halle. Es handle sich um eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art.

Nach den bisherigen Erkenntnissen seien in der Nacht zu Samstag einer oder mehrere Täter in das Mehrfamilienhaus eingebrochen, das im Mai die ersten von 40 Asylbewerbern beziehen sollten. Dort legten sie laut Wilkmann das Feuer, wahrscheinlich mit Brandbeschleuniger.

Der Staatsschutz ermittelt

Direkt nach dem Feuer hatte der Staatsschutz Ermittlungen aufgenommen. Das Feuer sei gegen 2 Uhr morgens ausgebrochen. Vor allem das zum Wohnbereich ausgebaute Dachgeschoss sei ausgebrannt.

Rechte Gewalt Der kleine Ort im Süden Sachsen-Anhalts ist bundesweit in den Schlagzeilen, seit der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth Anfang März wegen rechtsextremer Anfeindungen seinen Rücktritt erklärte. Die NPD-geführten Proteste richteten sich gegen die geplante Unterbringung von 40 Flüchtlingen. Die ersten sollen Anfang Mai nach Tröglitz kommen.

Wie die Polizei in Halle mitteilte, konnten sich zwei Bewohner des Hauses unverletzt in Sicherheit bringen. Um wen es sich dabei handelte, war zunächst unklar. Das gesamte Dach sei durch das Feuer zerstört worden. Nach ersten Schätzungen liegt der Schaden im sechsstelligen Bereich.

"Davon wird Tröglitz sich nie erholen"

Der zurückgetretene Ortsbürgermeister Markus Nierth zeigte sich entsetzt. "Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen", sagte er dem Berliner "Tagesspiegel" am Samstag. "Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich. Da ist die braune Saat so weit aufgegangen, dass man nun lieber Häuser niederbrennt, in denen Familien eine neue Bleibe finden sollten."

Nierth nannte den Brand "eine bleibende Schande für Tröglitz, die uns nun mit Mölln und Hoyerswerda in eine Reihe bringt und noch viele unabsehbare Folgen haben wird". In Mölln in Schleswig-Holstein starben 1992 bei einem Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus drei Frauen. Im sächsischen Hoyerswerda attackierten Neonazis 1991 eine Asylunterkunft mit Molotow-Cocktails und Stahlkugeln.

Ex-Bürgermeister bietet Wohnungen an

Der Deutschen Presse-Agentur sagte Nierth: "Die Braunen dürfen über unseren Ort nicht siegen." Außerdem bot der 46-Jährige für die Flüchtlinge zwei private Wohnungen an.

Auf seiner Facebook-Seite rief Nierth die Menschen in Tröglitz auf, seinem Beispiel zu folgen. "Es ist nun endgültig Zeit, aufzustehen", schrieb er.

Heiko Maas zeigt sich fassungslos

Nierth rief die Bürger außerdem zu einer spontanen Kundgebung gegen die Rechtsextremen am Samstagnachmittag (17 Uhr) auf.Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter: "Schlimmer Verdacht nach Brand in #Troeglitz macht fassungslos. Wir müssen weiter deutlich machen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen!"

Bürgermeister fühlte sich schutzlos

Nierth war Anfang März zurückgetreten, weil eine genehmigte Anti-Asyl-Demonstration direkt vor seiner Haustür stattfinden sollte. Er fühlte sich von der Politik nicht ausreichend unterstützt und sah seine Familie nicht gut genug geschützt. Sein Schritt hatte eine bundesweite Debatte über den Schutz von Politikern vor Demonstranten ausgelöst, die Entscheidungsträger auch in ihrer Privatsphäre unter Druck setzen wollen.

Erst am Dienstagabend hatte Landrat Götz Ulrich (CDU) auf einer Einwohnerversammlung in Tröglitz über die Pläne zur Asylbewerberunterkunft informiert. Gut 500 Menschen hatten sich im örtlichen Kulturzentrum eingefunden, unter ihnen auch Nierth. Ulrich musste Dutzende Fragen beantworten - und räumte auch Fehler ein. "Ich schließe nicht aus, dass ich und einige andere Verantwortliche im Vorfeld nicht ausreichend den Bewohnern zugehört haben", sagte der CDU-Politiker. Er habe aus dem Fall Tröglitz gelernt. (dpa)