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Brandstifter stammen oft aus der Mitte der Gesellschaft

Blinde Wut auf Fremde - Gewalt gegen Flüchtlinge nimmt zu
Das brennende Flüchtlingsheim in Marl.Foto: Werner Amerongen

Früher waren hier die Fußballer der SG Marl zu Hause, bald schon sollten Asylsuchende einziehen in das Vereinsheim an der Hervester Straße. Doch daraus wird wohl erst einmal nichts werden. Denn Donnerstagmorgen schlagen hohe Flammen aus dem Gebäude. Mehr als sechs Stunden wütet das Feuer. Brandstiftung wird nicht ausgeschlossen. Wieder einmal.

Es wäre  nur einer von vielen Anschlägen auf geplante oder bereits bewohnte Flüchtlingsheime in NRW . Anfang Januar etwa brechen Unbekannte einen Wohncontainer einer geplanten Flüchtlingsunterkunft auf, schütten brennbare Flüssigkeit aus und entzünden sie. Zum Glück erlischt der Brand von selbst.

Ermittler sehen keine organisierte Struktur hinter Anschlägen

Im westfälischen Borken geht es nicht so glimpflich aus. Ein dort gelegtes Feuer richtet am 10. Januar in einer gerade umgebauten Unterkunft einen Schaden von mindestens 20.000 Euro an. Und im sauerländischen Kirchhundem drehen Unbekannte eine Nacht später alle Wasserhähne in einer Flüchtlingsunterkunft auf.

Flüchtlinge
Unbekannte wollten Gastank neben Asylheim in die Luft jagen

Unterhalb eines Gastankes an der geplanten Asylunterkunft in Oberhausen haben Brandstifter ein Feuer entfacht. Der Essener Staatsschutz ermittelt.

Eine organisierte Struktur können die Ermittler hinter den Angriffen nicht erkennen. Das stellt die Polizei vor ein Problem: Der Kreis der möglichen Verdächtigen ist extrem groß, man habe es mit der „ganzen Breite der Bevölkerung“ zu tun, heißt es bei den Ermittlungsbehörden. Die Täter stammten längst nicht nur aus der Gruppe der Rechtsextremisten, viele waren zuvor nie polizeilich in Erscheinung getreten. Das Bundeskriminalamt spricht von „emotionalisierten Einzeltätern“ ohne ideologische Anbindung an rechte Strukturen.

"Täter sehen sich als verkannte Helden"

Wer allerdings ein Hakenkreuz an die Mauer schmiert, bevor er ei­nen Brandsatz wirft, legt ein eindeutiges Bekenntnis ab. „Solche Taten geschehen in dem Glauben, die schweigende Masse zu vertreten“, sagt der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. „Die Täter glauben, Vollstrecker des sogenannten Volkswillens zu sein und sind überzeugt, das Richtige zu tun, sehen sich als verkannte Helden.“ Sie fantasierten von einer ethnisch homogenen Gesellschaft und seien der Ansicht, die Überfremdung müsse jetzt gestoppt werden. Ermutigt fühlten sich die Angreifer durch die zunehmende Hetze in sozialen Medien, durch Pegida-Parolen, durch die rechtspopulistische AfD und Pro-NRW.

Weshalb aber auch zuvor unbescholtene Bürger zu Tätern werden, kann sich Butterwegge nur mit Angst erklären. Angst vor dem sozialen Abstieg, davor, zu kurz zu kommen, vor den Fremden und Veränderung. „Angst vor den Flüchtlingen“ nannte auch jener Feuerwehrmann als Tatmotiv, der im Oktober des vergangenen Jahres in Altena den Dachstuhl eines benachbarten Hauses angezündet hatte, in dem kurz zuvor zwei syrische Familien eingezogen waren. Die Menschen konnten sich gottlob in Sicherheit bringen.

Hilfe für die Schwachen

„Die Ansicht, dass die Spaltung der Gesellschaft zunimmt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, ist ja nicht falsch“, sagt Butterwegge. Der Sozialstaat sei abgebaut worden, die Steuerpolitik begünstige Wohlhabende, prekäre Be­schäftigungsverhältnisse nähmen zu. „Plötzlich ist Geld da für die Belange der Asylbewerber – und für uns bleibt nichts übrig“, bringt er den schwelenden Unmut auf den Punkt. Doch statt sich an die Politik zu wenden, werden Flüchtlinge zu Sündenböcken gemacht. Die Politik müsse jetzt etwas für die sozial Schwachen tun, um der Stimmung entgegenzuwirken, in Wohnungen, Kitas und Schulen investieren.

AfD
Gastronomen vermieten an die AfD keine Veranstaltungs-Räume

Für die AfD wird es offenbar immer schwieriger, Räume für ihre Veranstaltungen zu mieten. Viele Gastronomen lehnen die Anfrage der Partei ab.

Die Hagener Bundestagsabgeordnete Cemile Giousouf (CDU) fordert mehr Polizeipräsenz vor Flüchtlingsheimen und zeitnahe Gerichtsverfahren gegen Tatverdächtige. Sie glaubt, dass auch die AfD zu dieser Entwicklung hin zu mehr Gewalt beitrage. „Die AfD entwickelt sich zu einer rein populistischen Partei. Sie bereitet den Weg für solche Gewalttaten“, sagte die Integrationsbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion dieser Zeitung. Pegida sei noch viel schlimmer. „Die rufen offen zur Gewalt auf.“ Die Hemmschwelle sinke ohnehin. Giousouf: „Erst ist es ,nur’ Sachbeschädigung, dann sind es Angriffe auf Menschen. Der Weg zu Morden wie in Solingen und Mölln ist dann nicht mehr weit.“

Dass Flüchtlingsheime in Zukunft permanent von Polizeikräften beschützt werden müssten, hält Butterwegge für möglich: „Ich fürchte das“, sagt er. „Aber dann ist das nicht mehr mein Land.“

Christopher Onkelbach und Matthias Korfmann

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Kommentare
22.01.2016
21:28
Blinde Wut auf Fremde - Gewalt gegen Flüchtlinge nimmt zu
von Moderation | #142

Sehr geehrte User,

wir schließen diesen Kommentarbereich über Nacht.


Viele Grüße

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Blinde Wut auf Fremde - Gewalt gegen Flüchtlinge nimmt zu
Blinde Wut auf Fremde - Gewalt gegen Flüchtlinge nimmt zu
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http://www.derwesten.de/politik/blinde-wut-auf-fremde-gewalt-gegen-fluechtlinge-nimmt-zu-id11484881.html
2016-01-21 19:36
Rechtsextreme, Flüchtlinge, Brandstiftung
Politik