Boko-Haram-Terror überschreitet Grenzen

Yaoundé..  Die Terrorwelle der nigerianischen Boko-Haram-Sekte geht unvermindert weiter und bedroht immer stärker auch die Nachbarländer des westafrikanischen Staates. Am Sonntag überfielen Mitglieder der islamistischen Sekte mehrere Dörfer im äußersten Nordwesten Kameruns und entführten mindestens 80 Menschen, darunter 50 Mädchen und Jungen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren. 24 der Entführten sollen gestern vom kamerunischen Militär befreit worden sein, wie der Gouverneur der nördlichen Provinz Kameruns mitteilte. Die Soldaten sollen sich mehrstündige Feuergefechte mit den Extremisten geliefert haben.

276 Mädchen im April entführt

Bei dem Überfall handelt es sich um den schwerwiegendsten Angriff Boko Harams in Kamerun. Bislang hatte die Sekte dort nur einzelne Geiseln, vor allem Ausländer, abgegriffen. Die Extremisten sind auf die Entführung von jungen Mädchen spezialisiert, die sie ihren Kämpfern als „Ehefrauen“ anbieten. Von den 276 Mädchen, die im vergangenen April im nordostnigerianischen Städtchen Chibok entführt wurden, fehlt noch immer jede Spur. „Wir haben es mit barbarischen Leuten zu tun“, sagte Kameruns Informationsminister Issa Tchiroma Bakary.

In einer Videobotschaft hatte Boko-Haram-Chef Abubakar Schekau Anfang des Jahres verstärkte Angriffe auf kamerunischem Boden angekündigt. Er forderte Präsident Paul Biya auf, die Verfassung des Landes auszusetzen und einen islamischen Staat auszurufen. Die rund 20 Millionen Kameruner sind aber zu fast 70 Prozent Christen, lediglich gut 21 Prozent der Bevölkerung bezeichnet sich als Muslime. Die Regierung in Yaounde sandte inzwischen Tausende Soldaten in den Nordosten des Landes, die mit Waffen aus den USA, Deutschland und Israel ausgerüstet sein sollen. Gleichzeitig verschärfte die Regierung ihre Gesetze: Ein im Dezember verabschiedetes Antiterrorgesetz sieht die Todesstrafe für Terroristen vor.

Präsident Biya appellierte kürzlich an die internationale Gemeinschaft, seinem Land beim Kampf gegen die Eindringlinge zu helfen. Der Tschad sandte bereits Truppen nach Kamerun: Das Vorauskontingent einer 2000 Mann starken und mit Kampfhubschraubern ausgerüsteten Einheit traf am Sonntag im Norden des Nachbarstaates ein. Tschads Streitkräfte gelten als die effizientesten in der Region: Soldaten des zentralafrikanischen Staates kämpften vor zwei Jahren an der Seite einer französischen Interventionstruppe gegen die Islamisten in Mali. Nigeria, Niger, der Tschad und Kamerun, deren Staatsgebiete am Tschadsee zusammentreffen, vereinbarten im vergangenen Jahr ein gemeinsames militärisches Vorgehen gegen Boko Haram: Die Nachbarstaaten beklagten allerdings ein offenbar mangelndes Engagement Nigerias.

Dass auch der weitgehend muslimische Niger von extremistischen Umtrieben gefährdet ist, wurde am Wochenende deutlich. Bei Ausschreitungen im Zusammenhang mit Protesten gegen die französische Zeitung Charlie Hebdo wurden in den beiden Städten Niamey und Zider Kirchen angezündet und mindestens zehn Menschen umgebracht. Bei den Unruhen sollen auch Fahnen der Boko-Haram-Sekte geschwungen worden sein.

Westafrikanische Truppe gefordert

Unterdessen regte Ghanas Präsident John Mahama die Bildung einer westafrikanischen Interventionstruppe an. „Wir geraten an den Punkt, an dem eine regionale oder multinationale Streitmacht in Erwägung gezogen werden muss“, sagte der Präsident am Freitag. Mahama übt derzeit auch den Vorsitz über den westafrikanischen Staatenbund Ecowas aus. Allerdings sei für eine Intervention noch ein Mandat der Afrikanischen Union nötig, fügte der Präsident hinzu. Ecowas-Truppen waren in der Vergangenheit immer wieder an Friedensinterventionen in der Region beteiligt, etwa in Liberia und Sierra Leone.