Blutbad in Schule ist ein Angriff auf die Schwächsten

Was wir bereits wissen
Die Terroristen befahlen den Schulkindern zu beten, dann schossen sie. Der Anschlag ist Teil eines schmutzigen Krieges zwischen Regierung und Taliban.

Islamabad.. In den Klassenräumen der Army Publik School in Pakistans Grenzstadt Peschawar hockten Hunderte von Kindern in ihren grün-weißen Uniformen über Examensarbeiten. Die Gebäude liegen in einem als relativ sicher geltenden Viertel, wo viele Armeeangehörige wohnen. Uniformen gehören zum Alltag, und so dachte sich niemand etwas dabei, als die Männer in schwarzen Uniformen der Grenzeinheiten durch einen Hintereingang die Schule betraten. Doch dann zückten sie ihre Waffen, schossen um sich, nahmen einige Kinder als Geiseln. „Sie sagten uns: Betet!“, erzählte Ali (11) , der als einziger einer Gruppe von zehn Jungen überlebte, „dann schossen sie.“

„Sie sollen unseren Schmerz fühlen“

Zu dem Massaker bekannte sich die pakistanische Extremistengruppe „Therik-e-Taliban Pakistan“ (TTP). „Wir haben unseren sechs Kämpfern Anweisung gegeben, kleine Kinder zu verschonen“, sagte ihr Sprecher, „aber wir wollen, dass die Militärs unseren Schmerz fühlen.“ Der Mann behauptete, der Anschlag stelle den Anfang einer neuen, brutalen Offensive dar: „Wir werden so lange jede Institution angreifen, die mit den Streitkräften verbunden ist, bis die Armee ihre Operationen gegen uns einstellt und aufhört, unsere Gefangenen zu ermorden.“

Kaum eine Woche, nachdem Malala Yousufzai in Oslo den Friedensnobelpreis für ihren Kampf für das Recht auf Erziehung in Pakistan erhielt, schlugen die Talibanmilizen wieder einmal dort zu, wo sie am wenigsten Gegenwehr zu befürchten haben. Malala überlebte ein Attentat der Milizen in ihrem Schulbus trotz eines Kopfschusses. Viele der Kinder in der Armeeschule hatten nicht so viel Glück.

Taliban Pakistans Streitkräfte benötigten Stunden, um die Angreifer auszuschalten. Nachdem die Taliban mordend durch die Schule gezogen waren, verschanzten sie sich in dem Gebäude des Schulleiters. Soldaten, die auf den Dächern der Schule Stellung bezogen, deckten den letzten Zufluchtsort mit einem Kugelhagel ein.

Es ist lange her, seit Pakistan zum letzten Mal so brutal vom Terror getroffen wurde. Erst vor einigen Monaten starteten die Streitkräfte nach Jahren des Zögerns eine Offensive gegen die Extremisten in Nord-Waziristan an der Grenze zu Afghanistan. Dort gaben sich während der vergangenen Jahre Mitglieder von Al Kaida, Kämpfer der usbekischen Gruppe „Islamischer Dschihad“ und auch selbst ernannte „Gotteskrieger“ aus Deutschland ein Stelldichein mit afghanischen Taliban und ihren pakistanischen Gefährten.

Bis auf einige versprengte Überbleibsel von Al Kaida sind die meisten Ausländer gemeinsam mit knapp 2000 Taliban längst Richtung Irak und Syrien aufgebrochen, um sich dort dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Die zurückgebliebenen Kämpfer von der TTP müssen nun feststellen, dass ihr einst für sicher gehaltener Rückzugsort für sie zum Grab werden könnte.

„Zeichen der Verzweiflung“

„Pakistans Militärs haben gelernt. Sie bombardieren die Verstecke so lange, bis die Gegner weich sind und schicken dann Bodentruppen“, sagt ein Experte. Es ist ein schmutziger, gnadenloser Krieg. Gefangene Soldaten werden von der TTP geköpft. In der Umgebung von Peschawar wiederum werden seit Wochen misshandelte Leichen von Talibankämpfern gefunden. Menschenrechtler glauben, dass sie Opfer „außergerichtlicher Justiz“ wurden.