Blinde Polizisten als Waffe im Anti-Terrorkampf
08.11.2007 | 09:44 Uhr 2007-11-08T09:44:00+0100
Antwerpen. Sie sollen hören, was Sehenden entgeht: Ob es sich beim vorbeifahrenden Auto um einen Ford oder einen BMW handelt. Im Kampf gegen organisiertes Verbrechen setzt die belgische Polizei daher auch auf blinde und sehbehinderte Mitarbeiter.
Sacha van Loo klappt seine Armbanduhr auf. Er fühlt nach dem Zeiger. „Halb zwei“, ruft er entsetzt: „wir müssen essen gehen.“ Kollege Ronald Adriaenssens stimmt zu: „Unbedingt, sonst wirste wieder ungemütlich“, erwidert er und kommt um den Schreibtisch herum. Der blinde Sacha van Loo steht auf, legt seine Hand auf die Schulter des sehbehinderten Adriaenssens und vorsichtig gehen die beiden Anti-Terrorkämpfer zur Kantine in die 12. Etage, hoch über den Dächern Antwerpens.
2003 hörte die Belgische Bundespolizei erstmals von einer blinden Polizeieinheit. Das niederländische Landespolizeikorps hatte kurz zuvor ein ähnliches Projekt gestartet.
Die Belgier informierten sich vor Ort und im Juni 2007 nun konnte die sechsköpfige Mannschaft in Brüssel, Lüttich und Antwerpen die Arbeit aufnehmen. Allein für Antwerpen bewarben sich mehr als 20 Personen für den Job. Ende des Jahres soll entschieden werden, ob die Einheit aufgestockt, verkleinert oder bestehen bleibt. Beim deutschen Bundeskriminalamt (BKA) existiert bisher nichts Vergleichbares. Zwar gebe es sehbehinderte Polizisten, aber keine gezielt angeworbenen. Man finde die Idee allerdings ��sehr interessant“, heißt es.
Sie sind Teil von Belgiens neuester Waffe im Kampf gegen organisiertes Verbrechen und Terrorismus. Seit Juni beschäftigt die Bundespolizei sechs blinde und sehbehinderte Mitarbeiter zur Analyse von Tonbändern aus heimlich abgehörten Telefonaten, Wohnungen oder Treffen verdächtiger Personen. Dabei hören die Blinden, was den Sehenden entgeht: Manchmal sogar, ob ein Verdächtiger lügt oder die Wahrheit spricht.
Von Geburt an blind. Seit 36 Jahre ist das Sacha van Loos Leben. Er musste seinem Gehör somit schon immer mehr Aufmerksamkeit schenken als andere. „Kann ja wichtig sein zu hören, ob der Lkw jetzt von rechts oder links heranbraust“, scherzt er. Mit der Zeit wurde seine Akustik schärfer und schärfer. „Stimmen auseinander halten, per Gehör in einen Bus steigen, das ist mein Alltag“, sagt der passionierte Akkordeonspieler, „als Blinder muss ich Geräusche im Geiste filtern und in verschiedene Kanäle leiten.“ Jetzt tut er das im Dienste der Sicherheit.
Der Vater zweier Kinder ist ein lustiger Typ, schlaksig, nicht sehr groß, immer einen Spruch auf den Lippen. Am liebsten über sein Handicap. Er sagt: „Humor ist ein nützliches Mittel, um Blindheit zu meisten.“
Und auch den Job.
Hass. Mord. Missbrauch. Anschläge. Sacha van Loo lauscht Tag für Tag in die Abgründe menschlicher Seelen. „Das erträgt man nur mit Witz“, meint er. Um Abhöraktionen gerichtlich zu verwenden, müssen sie in Belgien verschriftlicht werden. Van Loo tut das an einem speziellen PC.
Schon mehrfach haben seine und die Hinweise der anderen Mitglieder der Blinden-Einheit Festnahmen ermöglicht. Wie jüngst. Lange rätselten die alteingesessenen Kollegen, was ein Gesuchter auf dem Band wohl spreche: Marokkanisch? Van Loo, der zudem ein Dutzend Sprachen beherrscht, wusste es besser. Und die spätere Verhaftung bestätigte: Es war Albanisch. „Uns gibt’s nicht nur, weil man armen Blinden ein bisschen Arbeit geben wollte“, spöttelt der studierte Linguist, der zuvor freiberuflich für die Stadt dolmetschte.
Stimmt. Trotzdem spielten soziale Aspekte bei der Einstellung eine Rolle. „Wir wollten auch Integrationsarbeit leisten“, erklärt der zuständige Abteilungsleiter bei der Bundespolizei, Paul van Thiel. Also wurden die blinden Detektive fortgebildet und werden nach Polizeitarif bezahlt. Sie dürfen allerdings niemanden festnehmen und keine Waffen führen. Van Loo und Kollege Ronald Adriaennssens fühlen sich dennoch sicher. Die Zusammenarbeit mit den Sehenden klappt. „Anfangs waren manche erstaunt und besorgt“, erzählen die beiden, „die Kollegen merkten jedoch schnell, das ist ganz locker mit uns.“ Und so entsteht eben keine peinliche Stille, wenn sich jemand mal mit den Worten verabschiedet: „O.k., wir sehen uns!“

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