Blatter macht den Weg frei

Zürich/Berlin..  Joseph Blatter gibt auf. In einer kurzen Rede formulierte er die Worte, die selbst im Sumpf der andauernden Korruptionsvorwürfe gegen seinen Verband niemand erwartet hatte: Der 79 Jahre alte Schweizer tritt als Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa zurück. „Ich habe ernsthaft über meine Präsidentschaft nachgedacht und über die vierzig Jahre, in denen mein Leben untrennbar mit der Fifa und diesem großartigen Sport verbunden gewesen ist“, erklärte Blatter.

Durch die Wahl am vergangenen Freitag habe er noch einmal das Mandat durch die Fifa-Mitglieder bekommen, „aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht das Mandat der gesamten Fußball-Welt habe. Daher habe ich entschieden, mein Mandat bei einem außerordentlich Kongress niederzulegen“.

Blatter wirkte gefasst, auch wenn die Tragweite dieser Entscheidung riesig ist. Kämpferisch hatte er sich noch bei seiner fünften Wiederwahl gegeben. Zuversichtlich wollte er ungeachtet der Festnahmen und Anklagen gegen hochrangige Funktionäre der Fifa weitermachen. Dieser Skandal, bei dem vor allem die US-Justiz ermittelt, war nun aber doch zu viel. „Ich habe Domenico Scala gebeten, die Einführung und Umsetzung dieser und anderer Maßnahmen zu beaufsichtigen“, erklärte Blatter – Scala ist bisher Chef der Compliance-Kommission.

Neuwahl frühestens in vier Monaten

„Es ist meine tiefe Sorge um die Fifa und ihre Interessen, die mich zu dieser Entscheidung veranlasst hat“, sagte Blatter am Ende seiner Rede. 1998 hatte er den Posten als Weltverbands-Chef übernommen. Sein Nachfolger wird wohl bei einem Fifa-Sonderkongress zwischen Dezember 2015 und März 2016 gewählt werden. Diesen Zeitraum nannte Scala nach Blatters Rücktrittsankündigung. Gemäß den Statuten des Weltverbandes seien mindestens vier Monate zur Vorbereitung eines Wahlkongresses notwendig. Der nächste reguläre Fifa-Kongress ist erst für den 12. und 13. Mai 2016 vorgesehen.

Blatters Entscheidung war ungeachtet der erneuten Zuspitzung der Ereignisse am Dienstag völlig unabsehbar. Nur wenige Medienvertreter hatten es zu der Pressekonferenz in Zürich geschafft, nachdem sie gut eine Stunde vor dem geplanten Beginn erst angekündigt worden war. Spekuliert wurde darüber, dass die Zukunft von Generalsekretär Jérôme Valcke bei der Fifa gefährdet sein könnte, dessen Name im Zusammenhang mit neuen Ermittlungen genannt wurde. Dann kam es zur Sensation: Bei der Pressekonferenz ging es nicht um Blatters Vertrauten Valcke, sondern um Blatter persönlich.

Die ersten Reaktionen auf den Rücktritt ließen nicht lange auf sich warten. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, begrüßte die Rücktrittsankündigung des Fifa-Chefs. „Das ist die Entscheidung, die absolut richtig ist, die überfällig ist“, sagte Niersbach in Berlin. Es sei „eigentlich eine Tragik, warum er es sich selber und uns allen das nicht erspart hat“, diesen Schritt nicht früher zu gegangen zu sein. Mit dem Rücktritt seien aber nicht „alle Probleme gelöst“.

Uefa-Chef Platini ist zufrieden

Wie erwartet hat sich auch Uefa-Präsident Michel Platini positiv über die überraschende Rücktrittsankündigung von Blatter geäußert. „Es war eine schwierige Entscheidung, eine mutige Entscheidung, und die richtige Entscheidung“, sagte Platini. Der Franzose hatte schon vor der Wiederwahl des Schweizers beim Fifa-Kongress am vergangenen Freitag versucht, Blatter zum Rückzug zu bewegen. Für den Fall einer fünften Amtszeit hatte Platini einen Rückzug europäischer Teams aus Fifa-Wettbewerben und damit einen WM-Boykott nicht ausgeschlossen.

Ob der von Platini zuletzt favorisierte Prinz Ali bin al-Hussein bei der nächsten Wahl antreten wird, ließ dieser am Dienstagabend im Gespräch mit dem Sender CNN aber offen. Der jordanische Verbandspräsident hatte am vergangenen Freitag gegen Blatter kandidiert – und verloren.