Berlusconis deutsche Stimme: Alltag eines EU-Dolmetschers
08.02.2009 | 17:34 Uhr 2009-02-08T17:34:00+0100
Brüssel. Wenn die Politiker in Brüssel über die Zukunft Europas verhandeln, hört er jedes Wort - und übersetzt es wenig später. Hans Schindler ist Dolmetscher und arbeitet seit 29 Jahren für die EU. Schindler ist quasi Berlusconis deutsche Stimme.
Hans Schindler ist einer der dienstältesten Dolmetscher in Brüssel und hautnah dabei, wenn sich die Staats- und Regierungschefs zu wichtigen Verhandlungen treffen – ein Beruf, der höchste Konzentration verlangt. Nur Düsenjetpiloten und Fluglotsen leben stressiger.
Da hat der Dolmetscher wohl falsch übersetzt...
Manchmal wünscht sich ein Dolmetscher, er müsse es nicht ganz so eng nehmen mit der wörtlichen Übersetzung, er könne Sätze etwas eleganter formulieren, Botschaften verblümter übermitteln. Hans Schindler erinnert sich an einen solchen Fall. Er saß in einem Fachausschuss im Ministerrat, es war ein Freitag, das Wochenende nahte und alle blickten unruhig auf die Uhr. Unbeirrt setzte der deutsche Vertreter zu einem langen Vortrag an. Woraufhin dessen italienische Kollege sagte: „Wenn alle so lange reden wie Sie, kommen wir gar nicht mehr nach Hause.“ Hans Schindler übersetzte; der Deutsche sprang von seinem Sessel auf. „Gerade von Ihnen lass ich mir das nicht sagen!“, rief er empört und wollte schon aus dem Saal stürmen. Am Ende ließ sich der Diplomat nur besänftigen, weil der Italiener von einem Missverständnis sprach. Der Dolmetscher habe wohl falsch übersetzt.
Hans Schindler zuckt mit den Schultern: „Das müssen wir einstecken können“, sagt er. Seit 29 Jahren arbeitet der gebürtige Schwarzwälder als Dolmetscher für die EU. Er ist für die Kommission im Einsatz, für den Ministerrat, den Ausschuss der Regionen und die Europäische Investitionsbank, sein Spezialgebiete sind Wirtschaft und Finanzen.
"Darf ich das jetzt so sagen?"
Wenn die Botschafter, die Minister, die Staats- und Regierungschefs in engster Runde zusammenkommen, um über die Zukunft Europas zu diskutieren, hört der 55-Jährige jedes Wortgefecht mit. Er gab schon dem italienischen Premier Silvio Berlusconi eine deutsche Stimme, war hautnah dabei, als sich der französische Staatschef Nicolas Sarkozy und der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück über Hilfspakete für die angeschlagene Wirtschaft stritten. Oft fallen harte Worte. „Man denkt so manches mal: Hoppla, hat er das wirklich so gesagt? Darf ich das so sagen?“, erzählt Schindler. Als Berlusconi zum Beispiel vor einigen Jahren im EU-Parlament den SPD-Abgeordneten Martin Schulz mit einem KZ-Aufseher verglich, wollte er nicht in der Haut der deutschen Dolmetscherin stecken. „Ein bisschen Adrenalin fließt immer“, sagt er.
Den EU-Sprachdienst plagen Nachwuchssorgen
Nach einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation haben Simultandolmetscher den stressigsten Beruf der Welt – hinter Düsenjetpiloten und Fluglotsen. Wohl auch deswegen plagen den Sprachendienst der EU-Kommission Nachwuchssorgen. Wenn in den nächsten Jahren die altgedienten Dolmetscher nach und nach in den Ruhestand gehen, haben sie nicht genug junge Talente, um die Lücken zu füllen. Seit Jahren wirbt die Brüsseler Behörde deswegen schon für ihren Sprachenservice, doch die Anforderungen für den Dolmetscher-Beruf sind hoch.
Fünf Fremdsprachen sind die Norm
Zwei Fremdsprachen sollte man gut beherrschen, wenn man in den Dienst einsteigen will, später kommen weitere hinzu. „Fünf sind fast zur Norm geworden“, erklärt Schindler. Er spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch auch Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Niederländisch. Viereinhalb Tage in der Woche ist er im Einsatz. Dabei geht viel Zeit für Vorbereitungen drauf; denn auch inhaltlich müssen Dolmetscher ständig auf dem Laufenden sein, Schindler kennt sich mit Konjunkturprogrammen aus ebenso wie mit dem Stabilitätspakt.
Mit 23 Amtssprachen hat die EU den größten Dolmetscherdienst der Welt. Die Nato beschränkt sich auf zwei Amtssprachen, die UNO mit ihren 192 Mitgliedsstaaten auf sechs.
Für den Dienst der Europäische Kommission arbeiten rund 530 Dolmetscher, außerdem können bei Bedarf 2700 Freiberufler herangezogen werden. Jeden Tag sind rund 700 Dolmetscher bei rund 60 Veranstaltungen im Einsatz. Das Europäische Parlament und der Europäische Gerichtshof unterhalten jeweils ihren eigenen Dienste. Für Dolmetscher und Übersetzungen wird ein Prozent des Budgets aller EU Institutionen ausgegeben – mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr, rund 2,50 Euro pro Bürger.
In der Dolmetscher-Kabine ist dann volle Konzentration gefragt. Wo Südländer blumig formulieren, drückt sich ein Nordeuropäer knapp aus. Schwierig sind auch Witze und Wortspiele: Wenn Deutsche zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, erschießen die Spanier zwei Vögel mit einem Schuss. Schindler muss gleichzeitig zuhören, verstehen und sprechen – nach 30 Minuten wird er von einem Kollegen abgelöst, damit er wieder Luft schöpfen kann.
Jedes Jahr werden die Sprachkenntnisse der EU-Dolmetscher beurteilt, sie müssen nachweisen, dass sie sich weiterbilden. Deswegen lässt Schindler auch in der Freizeit der Beruf nicht los. „Man muss die Sprachen pflegen“, sagt er. Im Urlaub liest er einen italienischen Krimi oder ein niederländisches Buch, die Abend-Nachrichten sieht er auf einem englischen oder französischen Sender.
Dennoch hat er bislang keinen Tag bereut. „Wenn eine Verhandlung zu einem guten Ergebnis kommt, kann ich mir einreden, dass ich dazu beigetragen habe“, sagt er. „Auch wenn’s anstrengend ist - einen reinen Schreibtischjob hätte ich mir nie vorstellen können.“

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