Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Ausland

Bange Blicke nach Ägypten

15.12.2012 | 08:00 Uhr
Bange Blicke nach Ägypten
Gedanklich in der Heimat: Bahgat El Maghrabi befürchtet, dass die Gewalt in Ägypten eskalieren könnte.Foto: Mark Keppler

Kairo/Essen.  In Ägypten beginnt um Samstag das Referendum über die neue Verfassung. Im Vorfeld gibt es Ausschreitungen zwischen islamistischen Demonstranten und Anhängern der Opposition. Das beunruhigt auch Exil-Ägypter im Rurgebiet.

Die Verfassung entzweit Ägypten, auch am Freitag flogen wieder Steine. Doch nun sollen die 51 Millionen Bürger an den Urnen entscheiden. Die Befürworter werben mit dem Slogan „Ja zur Verfassung ist ein ja zum Islam“. Die Opposition schaltet große Anzeigenseiten. Säkulare und Liberale wehren sich gegen den hohen Stellenwert der Scharia und kritisieren, Meinungsfreiheit, Freiheitsrechte von religiösen Minderheiten sowie Schutzrechte für Frauen und Kindern seien vage formuliert.

Im Kern der Auseinandersetzung steht Artikel 2, der die Prinzipien der Scharia als die Quelle des Rechts fixiert. Anders als in der Vorgängerverfassung, wird die Rolle der Scharia diesmal in weiteren Artikel präzisiert und ausgebaut – und bietet daher aus Sicht der Kritiker dem Gesetzgeber eine Handhabe, den Menschen künftig einen islamisch-konservativen Lebensstil aufzuzwingen oder auch Körperstrafen zu erlauben.

Die Entwicklung in seiner Heimat bereitet auch Bahgat El Maghrabi ein mulmiges Gefühl. „Ich hoffe, dass es nach der Abstimmung keinen Ärger gibt“, sagt der 43-Jährige, der seit 18 Jahren im Ruhrgebiet lebt. Wenn er sich nicht um seine beiden Restaurants in Essen und Mülheim an der Ruhr kümmern muss, kommuniziert er mit der Familie: Zwei seiner Brüder leben noch in Ägypten. In der Nähe von Alexandria, dort wo es am Freitag wieder zu Zusammenstößen zwischen islamistischen Demonstranten und Anhängern der Opposition kam. Dabei hatten die El Maghrabis große Hoffnungen, dass alles besser wird. Nach den Protesten auf dem Tahrir-Platz, nach dem Rücktritt von Staatspräsident Husni Mubarak im Februar 2011 waren sie optimistisch. Doch es folgte die Ernüchterung. „Unter Mohammed Mursi ist es nicht besser geworden. Eher schlechter“, kritisiert El Maghrabi das neue Staatsoberhaupt. Er spricht von „Räuberregierungen, die nur an sich denken“. Wenn in Ägypten Gesetze verabschiedet werden, hätten diese höchstens Gültigkeit für 24 Stunden.

Abstimmung in den großen Städten

Deswegen hat sich El Maghrabei auch nicht am Referendum beteiligt. „Meine Stimme bringt doch nichts“, sagt er. Das Ergebnis der Abstimmung will er trotzdem im arabischen Fernsehen verfolgen: Heute dürfen die Bürger in Kairo und den großen Städte an die Urne gehen, die Exil-Ägypter konnten ihre Stimme bereits im Vorfeld abgeben. In der kommende Woche soll das Referendum im Rest des Landes fortgesetzt werden. El Maghrabi befürchtet, dass die Gewalt am Nil wieder eskaliert, sobald das Ergebnis feststeht.

Regelmäßig fliegt der 43-Jährige nach Ägypten, um Freunde und Verwandten zu besuchen. Für Januar hatte er die nächste Reise geplant. Doch die Flüge hat El Maghrabi noch nicht gebucht. „Ich will abwarten, wie sich die Lage dort entwickelt“, betont er. El Maghrabi blickt aus dem Fenster, trotz der Anspannung wirkt er ruhig. Er wünscht sich auch endlich Ruhe für seine Nation.

Martin Gehlen und Dennis de Haas



Kommentare
15.12.2012
23:04
Bange Blicke nach Ägypten
von Karlot | #1

Dei Volksverduimmung mit Hilfe der Religion funktioniert in Ägypten wie anderswo auch.

Aus dem Ressort
Peschmerga-Kämpfer starten am Sonntag nach Kobane
Konflikte
150 Kämpfer der kurdischen Peschmerga machen sich nach einem Medienbericht am Sonntag aus dem Nordirak auf den Weg in die umkämpfte syrische Stadt Kobane.
Politik will Elite-Unis weiter fördern
Exzellenzinitiative
Hochschulen in NRW fürchten um die Spitzenforschung. Die vom Bund gestartete Exzellenzinitiative soll 2017 auslaufen. Sie hat Milliarden in die Forschung gespült. Künftig soll gespart werden - auf Kosten auch der Lehre, heißt es in den Hochschulen. Politiker plädieren für den Erhalt der Förderung.
Saarländische Ministerpräsidentin will weniger Bundesländer
Föderalismus
Sechs bis acht Bundesländer sind genug, findet die saarländische Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer. Aus 16 Ländern könnten dann sechs bis acht werden. Gerade die kleineren Länder ächzen unter Schulden. Eine Fusion könnte diese besser verteilen - und jährliche eine halbe Million Euro einsparen.
Briten und Polen bremsen beim Klima-Kompromissder EU
Klima-Gipfel
Nach zähem Ringen haben sich Europas Staats- und Regierungschefs am Freitagmorgen auf gemeinsame Ziele zur Drosselung der Treibhausgase geeinigt. Gipfelchef van Rompuy mahnte, der Klimawandel sei „eine Frage des Überlebens“. Trotzdem sind die Ziele bis zum Jahr 2030 nur unverbindliche Vorgaben.
Maut laut Dobrindt vor allem für große Transitstrecken
Verkehr
Die geplante Pkw-Maut soll den Grenzverkehr nach Worten von Verkehrsminister Dobrindt (CSU) nicht stören. Es gehe ihm vor allem um die großen Transitstrecken, sagte Dobrindt kurz vor der Vorlage seines Gesetzentwurfs. Dieser soll im Oktober vorgestellt werden - also spätestens bis kommenden Freitag.
Umfrage
Vielen Deutschen könnte die Zeitumstellung gestohlen bleiben. Wir wüssten gerne von Ihnen: Was halten Sie von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit?

Vielen Deutschen könnte die Zeitumstellung gestohlen bleiben. Wir wüssten gerne von Ihnen: Was halten Sie von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit?