Bahn baut trotz Verletzungsgefahr immer schrägere Bahnsteige

Der Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs ist eine Neigungs-Falle, es gab schon Verletzte.
Der Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs ist eine Neigungs-Falle, es gab schon Verletzte.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Züge, die an geneigten Bahnsteigen plötzlich losrollen, haben schon mehrere Menschen verletzt. Das wurde jetzt im Bundestag bekannt. Doch es ändert sich - nichts.

Essen/Berlin.. Es ist der Albtraum für junge Eltern: Man wartet auf den Zug, da macht sich auf dem Bahnsteig, der unmerklich schräg angelegt ist, der Kinderwagen mit dem schreienden Baby selbstständig. Die Schräge von Bahnsteig und Gleis kann aber auch eine böse Falle für ältere Menschen sein. Gerade haben sie den ersten Fuß aufs Trittbrett gesetzt, da rollt plötzlich der Zug los.

Sechs Verletzte allein in Köln

Kann nicht vorkommen? Ist gar nicht so selten, wie aus Unterlagen hervorgeht, die gerade im Bundestag beraten werden. Allein auf dem Kölner Hauptbahnhof, so berichtete jetzt der Bausachverständige Sven Andersen, haben sich zwischen 2009 und 2012 „mindestens 13 Zwischenfälle mit rollenden Zügen ereignet. Dabei wurden sechs Personen verletzt“.

Bahn Andersen glaubt: „Wegrollvorgänge werden nur zufällig bekannt.“ Die Dunkelziffer beim Bremsversagen sei groß. „Aber sie kommen besonders häufig in Köln Hauptbahnhof vor.“ Denn hier weisen Bahnsteige und Gleise in Längsrichtung teilweise ein Gefälle von 3,6 Promille auf, nach anderen Quellen sogar von mehr als sechs Promille. Gefahr für die Passagiere bestehe besonders beim Ein- und Ausstieg.

Eine ganze Wagenlänge zurück

„Ein besonders schwerer Wegrollvorgang ereignete sich am 16, Januar 2011 in Gleis 7, als ein Lok bespannter IC-Zug – alle Türen waren zum Fahrgastwechsel geöffnet – unvermittelt eine ganze Wagenlänge zurückrollte“, so der Experte. Glücklicherweise sei damals kein Reisender zu Schaden gekommen.

Die den meisten Fahrgästen völlig unbekannte Neigungs-Falle bei insgesamt vierzehn Bahnhöfen in Deutschland wird jetzt zum Politikum. Der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) warnt in einer Anfrage an das Bundesverkehrsministerium vor Sicherheitslücken für Fahrgäste. Und die Parlaments-Linken haben einen Antrag eingebracht, der die Anlage von Bahnsteigen mit über 2,5 Promille Neigung grundsätzlich verbietet. Bisher ist das in der Eisenbahnbau- und Betriebsordnung nur eine Soll-Bestimmung, die eben Ausnahmen zulässt.

In Stuttgart wird es über 6 Meter bergab gehen

Der Bau des neuen Stuttgarter Tiefbahnhofs S 21 müsste, geht es nach der Vorstellungen der Linken, damit aber völlig neu geplant werden. Denn hier wird gerade besonders schief gebaut: Von einem Ende der 420 Meter langen Bahnsteige bis zum anderen entsteht ein Höhenunterschied von 6,20 Meter! Das Gefälle wird vier Mal so stark sein wie in der Domstadt. Die Abgeordneten spöttisch in der Gesetzesbegründung: Sogar in China dürfe das nicht vorkommen.

Bahnhof Auch Andersen forderte bei einer Expertenanhörung im Bundestag: Die Bahn solle sicherstellen, „dass auch bei einem Ausfall der Bremsen der Zug nicht wegrollt“. Das Eisenbahnbundesamt hat zwar die Pläne für S 21 schon durchgewunken. Aber die Genehmigung sei mit Rechtsfehlern belegt und damit juristisch angreifbar, sagt der Sachverständige. Er vermutet übrigens die Politik hinter den schiefen Bauplanungen, gar nicht die Bahn-Planer. Der Staat wolle Kosten sparen.