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Autor räumt mit Türken-Klischees auf

01.12.2010 | 12:55 Uhr
Autor räumt mit Türken-Klischees auf
Straßenszene in Berlin: Frauen mit Kopftüchern und langen Mänteln werden immer dann gezeigt, wenn es um türkische Themen geht. Für Werner Felten ist das nur ein Klischee. Foto: ddp

Essen.Wie ist es, der einzige Deutsche unter türkischen Kollegen zu sein? Werner Felten war acht Jahre lang deutscher Gastarbeiter bei Türken. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das man als Gegenentwurf zu Sarrazins Thesen verstehen kann.

Derzeit wird viel gesprochen über die Türken in Deutschland. Doch Werner Felten ist ein Deutscher, der auch die andere Seite kennt. Und er weiß, wie es sich anfühlt, in der Minderheit zu sein. Acht Jahre lang hat er als einziger deutscher Journalist beim türkischsprachigen Radiosender Metropol FM gearbeitet. Ein deutscher Gastarbeiter unter Türken. Er lernte die türkische Sprache und die Menschen kennen, die vielen Deutschen trotz jahrzehntelangen Zusammenlebens fremd geblieben sind. In „Allein unter Türken“ beschreibt Felten seine Erlebnisse und wird zugleich zum Fürsprecher der Türken, die nicht zu den Integrations-Verlierern zählen. Feltens Buch kann man auch als Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen verstehen. Im Interview mit DerWesten erklärt er, was falsch ist an unserem Türken-Bild und warum sich Türken in Bayern besonders wohl fühlen.

Sie sind als Deutscher in eine türkische Gesellschaft eingewandert. Wie haben die Türken Sie aufgenommen?

Werner Felten: Sehr höflich und freundlich, und mit der Zeit hat sich auch ihre Herzenswärme gezeigt. Wir gelten bei den Türken dagegen als kühle, rationale Menschen. Aber diese Eigenschaft schätzen sie auch an uns. Sie verbinden Rationalität mit einem planvollen Vorgehen, und das bewundern die Türken. Sie mögen vor allem die deutsche Pünktlichkeit und glauben sogar noch an die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn. (lacht)

Sie haben vor ihrer Arbeit fürs türkische Radio keinen einzigen Türken persönlich gekannt. Was war für Sie die größte Überraschung?

Felten: Dass sie sich kaum von uns unterscheiden. Ich war vorher durch die Klischees der Medien geprägt. Ich hatte noch den klassischen Gastarbeiter im Kopf, der in seiner Heimat ein Haus baut und den es auch im Urlaub immer wieder in die Türkei zurückzieht. Doch gerade die Jüngeren fahren lieber nach Ibiza oder Mallorca. Sie haben kaum noch einen Bezug zur Türkei.

Den Türken gibt es ohnehin nicht, schreiben sie in ihrem Buch. Was ist falsch an unserem Türken-Bild?

Felten: Die meisten Türken fallen uns nicht auf, weil sie nicht so sind, wie wir sie uns vorstellen. Deswegen nimmt man die wenigen, die so aussehen, umso mehr wahr. Und es sind die Medien, die unser Türken-Bild in den vergangenen dreißig Jahren geprägt haben. Eine türkische Kollegin hat den Begriff vom Pinguin verwendet, den ich übernommen habe. Ein Pinguin ist eine Frau mit Kopftuch und langem Mantel, die immer dann gezeigt wird, wenn es im Fernsehen um türkische Themen geht. Wir sollten uns nicht von diesen visuellen Klischees bedienen lassen sondern genauer hinschauen.

Zwangsheirat, Arbeitslosigkeit, Unterdrückung von Frauen - immer wieder wird über Probleme der Türken in Deutschland berichtet. Ist das denn aus ihrer Sicht alles übertrieben?

Felten: Die Probleme gibt es natürlich, das möchte ich auch nicht abstreiten. Aber man muss immer genau schauen, in welcher sozialen Schicht diese Menschen leben und aus welcher Gegend der Türkei sie stammen. Natürlich gibt es jene, die ihr anatolisches Dorf mit nach Deutschland gebracht haben. Aber wir sollten auch einmal an die Menschen denken, die keine Probleme machen und das ist die Mehrheit der Türken in Deutschland. Und die meisten Türken sind nicht so, wie wir sie uns vorstellen.

Deutsche werfen den Türken häufig vor, Parallelgesellschaften zu bilden. Sie sagen jedoch, dass wir die Türken von Beginn an ausgegrenzt hätten. Sind die Deutschen selbst Schuld an den Integrationsproblemen?

Felten: Das würde ich nicht so sagen. Die Fehler liegen auf beiden Seiten. In manchen Gegenden ist es den Türken jedoch leichter gefallen sich zu integrieren. Ich hatte zum Teil auch mit Münchner Türken zu tun. Diese Türken sind dort voll integriert. Das hat mehrere Gründe. Wenn sie sich das Leben in München leisten können, müssen sie zunächst einen gutbezahlten Beruf haben. Zudem fühlen sich die Türken in Bayern wohler, weil die Bayern noch ihre Traditionen pflegen. Sie gehen etwa sonntags noch in die Kirche. Die Bayern haben ein Traditions-Gerüst, das den Türken vertraut ist. Wenn ich aber als Türke irgendwo hinkomme, wo es kein Gerüst für mich gibt, dann baue ich mir ein eigenes.

Ihr Buch könnte man auch als Gegenentwurf zu den Thesen Thilo Sarrazins verstehen. Sehen Sie sich als Fürsprecher der Türken?

Felten: Mein Buch ist parallel zu Sarrazins Veröffentlichung entstanden, von seinen Thesen wurde es daher nicht beeinflusst. Ich sehe mich aber als Fürsprecher der Türken, die in der Sarazin-Debatte alle in einen Topf geworfen wurden. Mir war es wichtig, dass man wirklich einmal über diejenigen Türken spricht, die in der deutschen Gesellschaft angekommen sind. Wir führen immer die Diskussion nach dem Motto „Das Glas ist halbleer“. Doch das Glas ist halbvoll, so kann man es auch sehen.

Sie gehen sogar soweit, die Türken in Deutschland mit den Ostdeutschen zu vergleichen, deren Integration teilweise ebenfalls gescheitert sei.

Felten: Ich habe drei Jahre in Ostdeutschland gearbeitet und habe dort negative und positive Erfahrungen gemacht wie bei den Türken auch. Wenn jedoch die Wiedervereinigung gefeiert wird, dann jubeln alle. Aber gleichzeitig legt der Innenminister ein dreistelliges Millionenprogramm für Demokratie-Entwicklung im Osten auf.

Was sind die größten Unterschiede zwischen Deutschen und Türken, die ein Zusammenleben erschweren?

Felten: Es gibt einen wesentlichen Unterschied: Die Familie steht bei den Türken grundsätzlich im Mittelpunkt. Sie verstehen nicht, dass das in Deutschland nicht so ist. Diese Fixierung auf die eigene Familie führt dazu, dass sich viele Türken von der deutschen Gesellschaft abschotten. So gehen türkische Familien nicht in Restaurants, weil dort im Beisein der Kinder Alkohol getrunken wird.

Wie könnte das Zusammenleben von Deutschen und Türken besser laufen?

Felten: Die Türken müssen weiter an ihrer Sprachkompetenz arbeiten. Und wir Deutschen müssen zunächst den Wert der Familie in der türkischen Kultur verstehen lernen. Das heißt nicht, dass man etwa die Zwangsheirat akzeptieren muss. Hier in Deutschland gilt schließlich unser Gesetz. Aber wir müssen die Türken höflicher und respektvoller behandeln. Dieser Respekt ist in der Sarrazin-Debatte völlig verloren gegangen. Und vielleicht könnten wir Deutschen ja auch ein paar Worte Türkisch lernen.

Info zum Buch: Werner Felten: „Allein unter Türken - Mittendrin statt von oben herab“, Südwest Verlag, München 2010, 240 Seiten, 16,99 Euro

 

Melanie Bergs

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Kommentare
01.12.2010
16:26
Autor räumt mit Türken-Klischees auf
von Olli W. | #79

Der Artikel deckt sich mit dem, was mir schon durch hier gut integrierte Türken erklärt wurde: Ihre Landsleute, die noch immer nicht die Sprache beherrschen und die Kopftuchträgerinnen, sind ihnen höchst peinlich.

01.12.2010
16:24
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von msv88 | #78

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01.12.2010
16:17
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von j.s. | #77

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01.12.2010
16:16
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von kkc | #76

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01.12.2010
16:14
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von Hugo E. Walder | #75

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01.12.2010
16:14
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von msv88 | #74

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01.12.2010
16:13
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von Dunken | #73

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01.12.2010
16:13
Autor räumt mit Türken-Klischees auf
von Jürgen Nowak | #72

So, so, die jungen Türken fahren also lieber nach Mallorca und Ibiza statt in die Heimat von Oma und Opa. Ich bin seit 1978 viermal im Jahr entweder auf Ibiza oder Mallorca, aber Türken sind mir da noch nie begegnet.

01.12.2010
16:05
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von Stefan112 | #71

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01.12.2010
16:05
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von IchfassMirAnDenKopf | #70

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