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Ausgrenzen macht den Graben nur tiefer

26.09.2007 | 20:50 Uhr

Dortmund. Jung. Männlich. Muslim. Nicht erst seit den Anschlägen vom 11. September haben junge Muslime keinen guten Ruf im Westen. Sie werden als Sicherheitsrisiko gesehen und ausgegrenzt. Doch genau das steigert die Gefahr.

Die Attentäter von London hätten eine tiefe Wunde in die Gesellschaft geschlagen, berichtet Islamwissenschaftlerin Julia Gerlach. "Eigentlich fahre ich nur noch sehr ungern U-Bahn", hat ihr Student Mohammed Hamza kurz nach den Attentaten erzählt. Erstens weil ihm selbst etwas mulmig sei, wenn er an die Bomben denke. Aber auch wegen der Blicke der anderen Fahrgäste: "Mich starren die Menschen an und ich kann die Angst in ihren Augen sehen."

Genau darin liegt für Julia Gerlach die Gefahr: Die Angst steigert das Misstrauen und die Ausgrenzung junger Muslime. Doch genau die Ausgrenzung führe dazu, dass sich die Jugendlichen von der westlichen Welt abwendeten und sich radikalisierten.

Selbstmordattentate, türkische und arabische Schüler, die ihre Lehrer an der Rütli-Schule terrorisierten oder Morde für die Familienehre: Einzelbeispiele. Doch sie prägten das Bild des Westens über den Islam. "Darüber ärgert sich die große Mehrheit der 3,5 Millionen Muslime in Deutschland", hat Julia Gerlach in zahlreichen Interviews erfahren. "Sie wollen mit Terror, Gewalt und Ehrenmorden nichts zu tun haben."

Ein Teil der jungen Muslime sucht jetzt seinen eigenen Weg. Der heißt nicht unbedingt Integration. Es sind vor allem Abiturienten und Studenten. "Ich hatte eigentlich gedacht, dass die es sind, die sich ganz integrieren", berichtet Gerlach. "Doch gerade sie entscheiden sich jetzt für einen anderen Weg." Eigentlich auch nicht verwunderlich: Schließlich seien sie genervt von einer Gesellschaft, die sie pauschal zu Terroristen erkläre.

"Ich bin anders und das ist gut so", bekam die Islamwissenschaftlerin zu hören. Sie suchen den Weg zurück zum Glauben, zu dessen Wurzeln. Allerdings modern. Gerlach hat dafür das Etikett "Pop-Islam" geprägt. Die Jugendlichen griffen westliche Mode, Musik und TV-Kultur auf und versähen sie mit islamischen Vorzeichen. Pop steht hier einerseits für das moderne, westliche Elemement der neuen Jugendbewegung, erklärt die 37-Jährige. Pop-Musik gilt seit dem Erfolg des frommen Sängers Sami Yusuf als islamkompatibel, und die Verehrung mancher Prediger erinnere an die Vergötterung westlicher Pop-Stars.

Doch Pop stehe zugleich für das Gewöhnliche. Nicht sehr subtil, nicht sehr intellektuell und vor allem wenig emanzipatorische Mainstream-Kultur. "Zu eingängiger Pop-Musik wippt fast jeder automatisch mit dem Fuß", verdeutlicht Julia Gerlach. "Wenn Amr Khaled seine Gebete spricht, dann treten auch gestandenen Männern die Tränen in die Augen." Doch das polarisiert: Wie bei der Musik grenzten sich die Fans von Klassik und Independent-Musik ab. So sei das auch beim Glauben: Der "Pop-Islam" werde sowohl von Islam-Gelehrten wie auch von radikalen Islamisten abgelehnt. "Ihnen ist die Botschaft der hippen Prediger zu flach, allgemeinverträglich und zu konformistisch."

Doch die junge Bewegung erreicht das Bildungsbürgertum und nicht nur die leicht zu radikalisierenden Verlierer der Gesellschaft. Darin sieht die Islam-Wissenschaftlerin eine Chance: Zwar sind diese jungen Muslime sehr religiös. Doch sie lehnten Gewalt ab, seien sehr engagiert und sendungsbewusst. In ihnen könnte die deutsche Politik einen Gesprächspartner finden: "Sie können schließlich radikale Islamisten viel leichter erreichen als jeder deutsche Sozialarbeiter", betont Julia Gerlach. "Der Pop-Islam ist schillernd. Aber es lohnt sich, die Vorurteile zurückzustellen und genauer hinzuschauen."

Von Alexander Völkel



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