Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Auschwitz-Prozess

Auschwitz-Prozess: „Wir waren keine Menschen für sie“

18.02.2016 | 18:12 Uhr
Die Zeugen Max Eisen (l) und William Glied stehen am Donnerstag in Detmold vor dem Beginn des Prozess gegen einen früheren Auschwitz-Aufseher nebeneinander. Eisen berichtete später über Gräuel und Willkür im Lager.Foto: Bernd Thissen/dpa

Detmold.   Zeugen, die Auschwitz überlebt haben, sagten gegen einen früheren SS-Wachmann aus. Dem 94-Jährigen wird vielfache Beihilfe zum Mord vorgeworfen.

Als der Viehwaggon anhielt, die Tür aufgerissen wurde und Max Eisen somit in Auschwitz war, dachte er, das Schlimmste sei vorbei. Drei Tage waren die Menschen stehend zusammengequetscht und transportiert worden, „eine Brühe aus Kot schwappte auf dem Boden“, nun konnten sie aussteigen und gucken, was würde: ein Arbeitslager vielleicht?

Durchsuchungen
Mordverdacht: Wohnungen von Ex-SS-Angehörigen durchsucht

Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für NS-Verbrechen in Dortmund verdächtigt ehemalige SS-Mitglieder, an Greueltaten beteiligt gewesen sein.

Was kam, war die Selektion, die Trennung der Arbeitsfähigen von den anderen – der 14-jährige Max, sein Vater und sein Onkel wurden von Frauen und Schwestern getrennt. „Am nächsten Morgen habe ich einen anderen Häftling nach den Familien gefragt. Er hat gesagt: Es ist 1944, und du weißt nicht, was das hier ist? Deine Familie ist durch den Schornstein gegangen.“

In seiner Naivität, sagt Max Eisen, habe er sich noch gefragt, wie ein Mensch durch den Schornstein komme.

Fragen nach der Rolle der SS-Wachmänner

Max Eisen ist heute 86, ein ungarischer Jude, der nach Kanada auswanderte; ein kleiner, wacher Mann, der seinen Bericht vorliest. Und Dolmetscher übersetzen simultan aus dem Englischen. Am Donnerstag sagt Eisen vor dem Landgericht Detmold aus über Auschwitz, wie er es erlebte. Denn dort war der Angeklagte Reinhold H. (94) anderthalb Jahre SS-Wachmann: angeklagt heute der Beihilfe an 170 000 Morden. Die These ist: Auch die kleinsten Rädchen im Getriebe machen sich schuldig, wenn sie zu einer Mordmaschinerie gehören. H. wird heute im Rollstuhl in den Saal geschoben: eine zusammengesunkene Gestalt mit hängendem Kopf, die niemals aufschaut.

Und so konzentrieren sich das Gericht und die Anwälte der Nebenkläger bei ihren Fragen an die Zeugen darauf, wie ganz normale SS-Wachmänner im Lager auftraten. „Kannten Sie die Ränge der SS?“ „Yes, I knew. Sturmbannführer, Obersturmbannführer ...“ Deutlich wird: Man musste keinen besonderen Rang haben, um in Auschwitz Sadist sein zu dürfen.

Ohne Grund ermordet

Eisen erzählt, dass er gesehen habe, wie ein Wachmann einen jungen Mann unter der Dusche ermordete: „Er stand da und hatte eine dicke Brille. Das Wasser riss sie ihm aus den Händen.“ Der Häftling sei in die Knie gegangen, um sie zu suchen, da habe der SS-Mann ihn gegen die Schläfe getreten und am Boden immer weiter: „Ich habe Rippen brechen hören, bis er tot war. Ich kann bis heute nicht begreifen, was diese Tat ausgelöst hat. Wir anderen haben weiter geduscht, als wäre nichts geschehen.“

Zeitgeschichte
Attendorner Gymnasiasten besuchten KZ Auschwitz

Der gemeinsame Leistungskurs Geschichte beider Gymnasien der Hansestadt war vor Ort. Jeder reagierte anders auf das Grauen.

Wenn ein Wachmann einen Häftling ansprach, so Eisen, musste der „die Mütze abnehmen, zu Boden schauen und sagen: ,Häftling A 8981 gehorsam gemeldet.’ Und Sie mussten beten, dass nichts Bedrohliches geschieht.“ An den Namen des speziellen Angeklagten aber erinnert sich Eisen nicht, und auch ein Foto von Reinhold H. in jungen Jahren, das einer der Verteidiger ihm vorlegt, weckt keine Erinnerungen.

Auch Irene Weiss (85), eine ungarische Jüdin und pensionierte Lehrerin, die heute in den USA lebt, erinnert sich an furchtbare Szenen in Auschwitz. „Die Wachmänner sahen uns nicht als Menschen, sie konnten zu jeder Sekunde und auch völlig grundlos über unser Leben entscheiden.“ Irene war erst 13, sie war recht klein, „das war sehr gefährlich. Ich habe beim Appell versucht, auf einem Stein zu stehen, um größer zu wirken, und mir in die Wange gekniffen, um gesünder auszusehen.“ Sie habe erlebt, wie ein Wachmann in die Frauendusche kam und auf die Frauen einpeitschte. „Er tat es, weil er es konnte.“ Ein anderer habe seinen Hund auf eine Tante gehetzt.

Sie überlebte knapp den Todesmarsch

Irene Weiss verlor in Auschwitz ihre Eltern, Tanten und Onkel, vier Geschwister und 13 Cousins und Cousinen. Den Todesmarsch gegen Kriegsende überlebten sie und eine größere Schwester nur knapp. Wenn sie danach Kinder gesehen habe, sagt Irene Weiss, dann sei sie stehengeblieben und habe sie angestarrt. „Ich hatte anderthalb Jahre keine Kinder gesehen. In der Welt, aus der ich kam, wurden Kinder zum Tode verurteilt.“

Auschwitz - Todesfabrik der Nazis

 

Hubert Wolf

Kommentare
19.02.2016
09:12
Auschwitz-Prozess: „Wir waren keine Menschen für sie“
von is_klar | #5

All diese naive Fragen hier... es ist zum Totlachen... oder zum Heulen... je nachdem ob man noch Hoffnung mit diesem Land und diesen Leuten hat oder...
Weiterlesen

Funktionen
Fotos und Videos
article
11577374
Auschwitz-Prozess: „Wir waren keine Menschen für sie“
Auschwitz-Prozess: „Wir waren keine Menschen für sie“
$description$
http://www.derwesten.de/politik/auschwitz-prozess-wir-waren-keine-menschen-fuer-sie-id11577374.html
2016-02-18 18:12
Auschwitz, Nationalsozialismus, Prozess, Detmold,
Politik