Aus der Notlösung wurde die unumstrittene Nummer 1

Berlin..  Das Amt fiel ihr zu. Angela Merkel hat nicht hart darum kämpfen müssen, als sie am 10. April 2000 zur CDU-Chefin gewählt wurde. Erste Frau in diesem Amt, protestantisch, ostdeutsch, ohne Hausmacht. Eine Notbesetzung, Übergangslösung. So war die Stimmung damals. 15 Jahre später ist Merkel unangefochten die Nummer eins, nicht nur in der CDU.

Sie hat die Partei verändert. Die Atomenergie – fast abgeschaltet. Die Wehrpflicht – passé. Einwanderung – akzeptiert. Man hätte Merkel im April 2000 beim Wort nehmen sollen, als sie sich den CDU-Delegierten in Essen vorstellte: „Die Wirklichkeit annehmen, fähig zur Erneuerung sein und zugleich Wertvolles bewahren – das ist konservativ.“

Als Sozialdemokrat dürfe man es gar nicht sagen, „ohne exkommuniziert zu werden, aber sie macht es ganz gut. Sie tut, was dieses Land gerne möchte: Ruhig und unaufgeregt regiert zu werden – und das vor allem mit SPD-Inhalten“, würdigte 2014 der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig.

In der dritten Amtszeit

Inzwischen regiert sie Deutschland in der dritten Amtszeit, zum zweiten Mal mit Albigs Partei. Die SPD hat Merkel anfangs unterschätzt. Aber bitte, der CDU erging es vor 15 Jahren nicht anders. Konservative hadern bis heute mit ihr. Wo der „Mainstream“ ist, die jüngste Umfrage, da ist auch Merkel. Sie wünschen sich einen größeren Wertekonsens und müssen doch anerkennen, dass Merkels Stil sich auszahlt: Die Union ist konstant über 40 Prozent. CSU-Chef Seehofer traut ihr bei der Wahl 2017 die absolute Mehrheit zu. Wohlgemerkt: Merkel.

Heute vor 15 Jahren war die Partei weit davon entfernt. Man sprach von der „roten Republik“. Die SPD stellte alle wichtigen Repräsentanten des Staates. Während Rot-Grün die dominierende Kraft war, sehnte sich die von der Spendenaffäre verstörte CDU nach einem Neuanfang. Merkel wurde als Trümmerfrau und Retterin von der Basis herbeigesehnt und von den Unions-Granden ertragen. Noch am 27. Februar hatten drei von ihnen bei einem Geheimtreffen im Lübecker Ratskeller Alternativen erörtert.

Ausgemacht war, dass Merkel nicht als Kanzlerkandidatin infrage kam. Ihr fehlte der Rückhalt. Das machte ihr der hessische Ministerpräsident Roland Koch in einem Brülltelefonat auch klar. Am 11. Januar 2002 sollte die Frau vor dem CDU-Vorstand in Magdeburg, bezeichnenderweise im „Herrenkrug“, gedemütigt werden. Da wollten sie Merkel klarmachen, dass man CSU-Chef Edmund Stoiber ihr vorziehen würde. Die Herrenrunde hatte ihre Nehmerqualitäten, auch ihre Schlitzohrigkeit unterschätzt. Merkel fuhr zu Stoiber, trug ihm die Kanzlerkandidatur an und rang ihm das Versprechen ab, sie nach einer Wahl als Fraktionschefin zu unterstützen. So behielt sie das Heft des Handelns. Stoiber trat an und verlor, Merkel baute ihre Macht weiter aus, drei Jahre später war sie Kanzlerin.

Ihre Führungsstärke würde heute niemand mehr ernsthaft bestreiten. Unklarer ist, was sie antreibt, wofür sie steht. Dieselbe Frau, die heute als Konsenspolitikerin und Sozialdemokratin dargestellt wird, hat noch 2003 auf dem CDU-Parteitag in Leipzig für eine knallharte neoliberale Politik geworben. „Merkel macht, was dem Machterhalt diente“, erkannte ihr verstorbener Biograf Gerd Langguth. Heute Gesundheitsprämie, morgen Mindestlohn. Man traut ihr alles zu.

Einige Vorhaben unfertig

Ein Ende der Ära Merkel ist nicht in Sicht. Einige Vorhaben wirken noch unfertig (die Energiewende), in den Ländern stellt die CDU nur vier von 16 Ministerpräsidenten, obendrein erwächst ihr mit der Alternative für Deutschland (AfD) eine Konkurrenz von rechts. Innerhalb der Union hat sie keine Rivalen zu befürchten. Noch lässt sie offen, ob sie 2017 wieder antreten will. Als Nachfolger böten sich aus den CDU-Reihen Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière an. Von der Leyen wäre nicht mehr dabei, wenn Merkel sie nicht bewusst gestützt hätte. Über de Maizière weiß seit der NSA-Affäre die halbe Welt, dass sie ihm vertraut, weil man oft mithörte, wie sie ihn („Was soll ich denken?“) um Rat bat. Für Ende Dezember hat Merkel zum Parteitag eingeladen, kaum zwei Jahre vor der nächsten Wahl und höchste Zeit für die CDU, um über die Ära nach Merkel nachzudenken.