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Politik

Aufstieg eines Schulschwänzers

24.01.2015 | 00:11 Uhr

In Berlin war Alexis Tsipras (40) schon oft. Aber die Tür des Kanzleramts hat sich für ihn bisher nicht geöffnet. Das Verhältnis zu Angela Merkel gilt als zerrüttet. Kein Wunder – Tsipras hat ein Schimpfwort in die politische Debatte eingeführt: Seine Gegner, allen voran Ministerpräsident Samaras, bezeichnet er als „Merkelisten“, als Marionetten der deutschen Kanzlerin. Bald gehen die beiden möglicherweise auf Tuchfühlung. Wenn Tsipras mit Syriza die Wahl gewinnt und griechischer Ministerpräsident wird, sitzt er im Europäischen Rat gleich neben Merkel.

Das wäre der Karriere-Höhepunkt eines politischen Senkrechtstarters. Als 16-Jähriger schloss sich der Gymnasiast Tsipras der Jugendorganisation der stalinistischen Kommunistischen Partei Griechenlands an und organisierte Schulbesetzungen gegen die Bildungspolitik der damaligen konservativen Regierung. Wochenlang fiel der Unterricht aus, Tsipras proklamierte ein „Grundrecht auf Schule Schwänzen“. 2006 wird Tsipras für die „Koalition der Linken und des Fortschritts“, ein Vorläufer der Syriza, in den Athener Stadtrat gewählt. Zwei Jahre später übernimmt er den Parteivorsitz.

Unter dem wortgewandten ehemaligen Studentenfunktionär nahm das Linksbündnis einen in der griechischen Parteiengeschichte beispiellosen Aufstieg. Tsipras profitierte von der Krise, die ihm viele enttäuschte Anhänger der sozialdemokratischen Pasok in die Arme trieb. Bei der Europawahl im Mai wurde Syriza stärkste politische Kraft.

Er greift die Stimmung des Volkes auf

Der gewiefte Populist greift die Stimmung des Volkes auf, verspricht, was viele Menschen hören wollen: Schluss mit dem Sparkurs, Steuersenkungen, Kreditnachlass für überschuldete Haushalte. Wenn Syriza an die Regierung komme, würden die Finanzmärkte „nach unserer Pfeife tanzen“ und nicht umgekehrt, wie bisher, sagt Tsipras. Solche Phantasien zeigen auch ein bedenkliches Maß an politischer Naivität und ökonomischer Ignoranz. Zugleich aber sucht Tsipras die Unterstützung der bürgerlichen Mitte.

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2015-01-24 00:11
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