Aufrüsten gegen den Terror

Paris..  Die Lage in Frankreich bleibt angespannt. Einerseits, weil sich die Jagd nach eventuellen Komplizen der drei am Freitag getöteten Attentäter fortsetzt. Andererseits hält die Regierung den Terroralarm im Großraum Paris aufrecht, weil sie die Gefahr weiterer Anschläge keineswegs als gebannt ansieht. Im Rahmen des landesweit auf seine zweithöchste Stufe hochgefahrenen Schutzplans „Vigipirate“ sind derzeit rund 100 000 Polizisten, Gendarmen und Soldaten im Einsatz. Sie überwachen nicht nur öffentliche Einrichtungen, stark frequentierte Plätze, Flughäfen und Bahnhöfe, sondern sichern auch Schulen, Gebetshäuser und Großkaufhäuser.

Synagogen und Schulen im Blick

Nach der Krisensitzung im Elysée-Palast ordnete Staatspräsident François Hollande gestern an, weitere 10 000 Soldaten zum Schutz besonders „sensibler Punkte“ abzustellen. Wenig später gab Premierminister Manuel Valls bekannt, dass ab sofort auch sämtliche jüdischen Einrichtungen wie Synagogen und Schulen von annähernd 5000 Polizisten bewacht werden.

Damit trägt Paris der Angst Rechnung, die in der mit 600 000 Mitgliedern größten jüdischen Gemeinde Europas um sich greift. Am Freitag hatte der Islamist Amedy Coulibaly einen jüdischen Supermarkt überfallen und dort vier Menschen erschossen. „Wir fühlen uns schutzlos“, erklärte der unter Schock stehende Vorsitzende der Rates der jüdischen Organisationen „CRIF“, Roger Cukierman, kurz nach dem Attentat. Tatsächlich wanderten 2014 mehr als 7000 französische Juden aus Frankreich nach Israel aus, doppelt so viele wie im Vorjahr. Grund hierfür ist die ständig steigende Zahl antisemitischer Übergriffe, die sich 2014 im Vergleich zu 2013 mehr als verdoppelte.

Bei den Ermittlern hat sich derweil die Überzeugung verfestigt, dass zumindest Coulibaly, der am Donnerstagmorgen auch eine Polizistin im Pariser Vorort Montrouge ermordete, Unterstützer gehabt haben muss. Nach seiner Lebensgefährtin Hayat Boumeddiene (26) wird intensiv gefahndet. Allerding hat sich der Verdacht, dass sie aktiv an dem Polizistenmord in Montrouge sowie an der blutigen Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt beteiligt war, mittlerweile zerschlagen. Offenbar stimmen Informationen aus Ankara, denen zufolge die junge Frau schon am 2. Januar in Istanbul eintraf und die Türkei einen Tag vor der Pariser Attentatsserie verließ, um nach Syrien zu flüchten.

Einzeltäter oder Terrorzelle?

Am Samstag jedoch tauchte im Internet ein posthumes Bekennervideo Coulibalys auf. Die Behörden halten das sieben Minuten lange und „professionell gemachte“ Video, welches sie sofort wieder aus dem Internet entfernen ließen, für authentisch. Allerdings zeigen die Aufnahmen nicht nur, wie Coulibaly dem Anführer der Miliz „Islamischer Staat“, Abu Bakr al Baghdadi, einen Treueeid leistet. Das Video enthält auch Bilder vom Sturm der Polizei auf den jüdischen Supermarkt und kann daher nur nach dem Tod des Terroristen zusammengeschnitten worden sein. Zudem fanden die Ermittler Spuren von Coulibaly und einer zweiten, nicht identifizierten Person in einer Pariser Vorstadt-Wohnung, die dem Islamisten offenbar als geheime Rückzugsbasis und als Waffendepot diente.

Dass Coulibaly und die Brüder Chérif und Said Kouachi, die ebenfalls am Freitag getöteten Verantwortlichen des Massakers in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, ihre Anschläge miteinander abgesprochen haben, gilt als nahezu gewiss. Unbeantwortet hingegen bleibt die Frage, ob sie eine Terrorzelle bildeten, die mehr als drei Mitglieder zählte.