Auf offener Straße entführt

Kairo..  Die Armee-Regierung in Kairo lässt mit harter Hand gegen ihre Kritiker vorgehen: Seit mehreren Wochen erlebt Ägypten eine Welle von gewaltsamen Entführungen von Dissidenten durch Staatssicherheit und Geheimdienst. Mindestens 163 Studenten, Muslimbrüder und Demokratieaktivisten sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation „Freedom for the Brave“ seit Anfang April verschwunden – verhaftet auf der Straße oder zu Hause, in Restaurants oder beim Sport, in Universitäten oder Schulen.

„Es sind in Ägypten auch schon früher Menschen verschwunden, aber niemals in einem solchen Ausmaß“, erklärte „Freedom for the Brave“-Sprecher Abdel Hamid. Die „Egyptian Coordination of Rights and Freedoms“ geht im gleichen Zeitraum sogar von mehr als 400 Fällen aus. Die Dunkelziffer dürfte noch wesentlich höher liegen, weil viele Familien sich scheuen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Islam Ateeto wurde nach Augenzeugenberichten während der Examensklausur von Unbekannten aus dem Hörsaal der Universität in Kairo geholt. Am nächsten Tag fanden Passanten die verstümmelte und mit Kugeln durchsiebte Leiche des 23-jährigen Ingenieurstudenten an ei­ner Ausfallstraße Kairos. Insgesamt 64 Verschwundene sind mittlerweile wieder aufgetaucht, die meisten wurden gefoltert. Der Rest ist wie vom Erdboden verschluckt.

Das Vorgehen der Staatssicherheit zeige, dass „Ägypten eine Repression erlebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, urteilte Joe Stark von „Human Rights Watch“. Das Innenministerium dagegen bestreitet, dass es politisch motivierte Entführungen überhaupt gebe. Ägypten sei ein Rechtsstaat und niemand könne einfach so ohne Haftbefehl auf der Straße festgenommen werden.