Auch Gauck nennt Massaker an Armeniern jetzt „Völkermord“

Armenische Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich in Syrien um 1915.
Armenische Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich in Syrien um 1915.
Foto:  Library of Congress
Was wir bereits wissen
Bundespräsident Joachim Gauck betont in seiner Rede auch die deutsche Mitschuld an Verbrechen im Osmanischen Reich. Wie reagiert darauf die Türkei?

Berlin.. Verärgerung in der Türkei, Erleichterung in Armenien: 100 Jahre nach dem Massaker an Hunderttausenden Armeniern im Osmanischen Reich verurteilt nun auch Deutschland die Verbrechen als „Völkermord“ – gegen den Protest der türkischen Regierung.

Armenien In einer mit Spannung erwarteten Rede verband Bundespräsident Joachim Gauck diese Bewertung aber auch mit einem deutlichen Bekenntnis zur deutschen Mitverantwortung: Auch die Deutschen müssten sich „insgesamt noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um Mitverantwortung, unter Umständen sogar der Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht“, sagte Gauck gestern im Berliner Dom. „Es waren deutsche Militärs, die an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt waren.“

Zwei Mal verwendete Gauck das umstrittene Wort

In der armenischen Hauptstadt Eriwan wird am Freitag mit Staatsgästen aus aller Welt an die Mordaktionen erinnert, denen ab dem 24. April 1915 bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen. Auch der Bundestag wird am Vormittag der Opfer gedenken und einen Beschluss vorbereiten, der die Massaker als Völkermord einstuft. Die Bundesregierung hatte dies mit Rücksicht auf die Türkei verhindern wollen und einen Koalitionsantrag entschärfen lassen. Erst als Gauck intern ankündigte, er werde von Völkermord sprechen, gaben Regierung und Koalitionsspitzen ihren Widerstand auf.

Wettbewerb Umso größer waren die Erwartungen an den Bundespräsidenten, der am Donnerstagabend nach einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom das Wort ergriff. Das Staatsoberhaupt war bemüht, nicht unnötig Gräben aufzureißen. Nur zweimal verwendete er das "V-Wort". Beim ersten Mal hielt er sich genau an die Formulierung, die auch der Bundestag verwenden will: „Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist.“

Gauck betonte deutsche Mitverantwortung an der ethnischen Säuberung

Beim zweiten Mal verknüpfte er den Begriff mit dem Hinweis auf die deutsche Mitverantwortung. Niemand, der heute lebe, werde auf die Anklagebank gesetzt, versicherte Gauck und rief zur Verständigung zwischen Türkei und Armenien auf. Was die Nachfahren der Opfer aber erwarten dürften, sei die Anerkennung historischer Tatsachen und Schuld.

Das dürfte aber kaum genügen, um die türkische Regierung zu besänftigen. Nachdem das österreichische Parlament am Dienstag ebenfalls von Völkermord gesprochen hatte, zog die Türkei ihren Botschafter aus Wien ab. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat bereits im Vorfeld bei Kanzlerin Angela Merkel gegen die geplante Erklärung des Bundestags protestiert. Mit weiteren Protesten aus Ankara wird gerechnet.