Atomares Säbelrasseln oder Bluff?

Washington/Moskau..  Gemessen am Hauch von Kaltem Krieg, der seit der Krim- und Ukraine-Krise die Beziehungen zwischen Amerika und Russland verschattet, wirkte der jüngste Angstmacher von Wladimir Putin auf manche wie eine Eisblume: „Dieses Jahr wird der Bestand unserer Atomstreitkräfte um mehr als 40 neue ballistische Interkontinentalraketen aufgefüllt“, sagte der russische Präsident am Dienstag bei der Einweihung eines „militärischen Disneylands“ (New York Times) bei Moskau, „sie werden fähig sein, selbst technisch perfekteste Raketenabwehrsysteme zu überwinden.“

Die als forsche Antwort auf Pläne des Westens, in den osteuropäischen Nato-Staaten und vor allem im Baltikum aufzurüsten, interpretierte Ankündigung wurde von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg umgehend als „atomares Säbelrasseln“ und „destabilisierend“ klassifiziert. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach von einem „unnötigen“ Akt, der „sicher kein Beitrag zu Stabilität und Entspannung in Europa“ sei.

Bei US-Außenminister John Kerry fielen die Reaktionen unaufgeregter aus. Putins Ansagen seien zwar „beunruhigend“, sagte Obamas Chef-Diplomat, schließlich wolle niemand den Rückfall in die Hochrüstungsspirale des Kalten Krieges. Aber, so Kerry, es könne sich auch „sehr wohl nur um Getue handeln“. Sprich: um rhetorische Drohgebärden, adressiert an ein russisches Publikum, das Muskelspiele mag.

Rüstungsexperten der Washingtoner Denkfabrik Brookings stützen Kerrys Einschätzung und rücken die Dimensionen zurecht: „Russland hat im Rahmen der geltenden Abkommen seine Arsenale an Atomsprengköpfen im vergangenen Jahr von 8000 auf 7500 reduziert, während Amerika 40 abgebaut hat und nun über 7260 Sprengköpfe verfügt. Wenn jetzt ein paar alte Raketen außer Dienst gestellt und durch neue ersetzt werden, ist das Routine.“

Experten in Moskau sehen das ähnlich und erinnern an einen Wahlkampfartikel Putins in der „Rossijskaja Gaseta“ von 2012, in dem er bis 2022 den Bau 400 neuer ballistischer Atomraketen angekündigt hatte. „Wenn jetzt 40 davon in Betrieb genommen werden sollen, ist das absolut nichts Unerwartetes“, sagt der Militärspezialist Viktor Litowkin dieser Zeitung.

Zudem ist die Fachwelt längst zackige Meldungen von demnächst in Massenproduktion gehender vaterländischer Kriegshöchsttechnologie gewohnt. Etwa dem auf der Siegesparade am 9. Mai präsentierten neue Kampfpanzer T-14 „Armata“, nach offiziellen Angaben allen westlichen Konkurrenten überlegen, nach Ansicht mancher russischen Fachleute nur der aufgemotzte Umbau längst schon rollender Vorgänger.

Nur ein Sechstel des US-Etats

Der zuletzt wieder um 15 Prozent gestiegene Verteidigungshaushalt von 98 Milliarden Dollar drückt mit 20 Prozent des Gesamtetats einerseits arg auf die Finanzen der kriselnden Wirtschaft, macht andererseits nicht mal ein Sechstel der 610 Milliarden Dollar aus, die allein die USA in diesem Jahr in ihr Militär stecken.

Darum betrachten in Russland viele Putins kriegerische Sprüche als Bluff. „Die neuen Interkontinentalraketen erinnern mich an die Attrappen der Atomraketen, die im Kalten Krieg bei den Paraden zur Oktoberrevolution den Westen einschüchtern sollten“, witzelt ein ehemaliger Mitarbeiter eines russischen Rüstungskonzerns. „Heutzutage würde man es PR nennen.“

Dass Moskau keinen ernsthaften Rüstungswettlauf mit den USA anstrebt, kam gestern quasi amtlich aus dem Kreml. Putin-Berater Juri Uschakow sagte, Moskau versuche „auf mögliche Bedrohungen zu reagieren, aber ohne darüber hinaus zu gehen“, denn das würde „unsere wirtschaftlichen Fähigkeiten schwächen“. Putin selber hatte vorher einschränkend gesagt, es gebe bisher angesichts der westlichen Stationierungsmaßnahmen in Ost-Europa keinen Anlass, „sich groß aufzuregen“.

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