Askese gegen die Abstiegsangst

An Rhein und Ruhr..  Ulrich Biene, Sprecher der Veltins-Brauerei, klingt ein wenig so, als hätte man ihm in den Braukessel gespuckt, wird er auf die Pläne der EU-Kommission angesprochen: „Wir erkennen auf EU-Ebene leider die schon reflexartige Reaktion mit Steuern und Verboten, wenn die Politik glaubt, Lösungen herbeireden zu können“, klagt er. „Die Menschen im Land können aber inzwischen sehr gut zwischen wirklichem Verbraucherschutz und Bevormundung differenzieren – und lehnen letztere ab.“ Prävention funktioniere nicht über die Geldbörse, sondern über die wirksame Sensibilisierung der Menschen, meint er.

Klarer Zusammenhangzwischen Preis und Konsum

Das allerdings sehen Suchtexperten durchaus anders. „Wo der Preis steigt, sinkt der Konsum“, sagt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) mit Sitz in Hamm. Der Zusammenhang zwischen Preiserhöhungen und Konsumentenverhalten sei durch internationale Studien belegt. „Wir kämpfen schon seit Jahren für eine höhere Alkoholsteuer“, so Bartsch. „Das hat mehr Breitenwirkung als jede Verhaltensprävention.“

Christoph Stichelbach, Oberarzt an der Essener Suchtklinik Kamillushaus, hält eine andere Sensibilität beim Thema Alkohol ebenfalls für geboten: „Es ist eben nicht nur ein Genussmittel, mit dem viele Menschen verantwortungsbewusst umgehen.“ Insbesondere bildungsärmere Schichten seien sich der Risiken nicht immer bewusst – da könnten Warnhinweise helfen.

Trotz des in den letzten Jahren sinkenden Pro-Kopf-Verbrauchs von Alkoholika sieht er ein immer problematischeres Trinkverhalten bei vielen Menschen. „Unsere Patienten werden immer jünger“, so Stichelhaus. Das Patientenalter sei von durchschnittlich 50 deutlich gesunken, immer mehr Menschen aus der Altersgruppe zwischen 35 und 45 kämen in die Suchtklinik.

Er vermutet zweierlei: Zum einen setze ein problematisches Trinkverhalten offenbar früher ein, zum anderen sinke die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Trinkern: Alkohol am Arbeitsplatz sei im Gegensatz zu früher meist ein absolutes Tabu. Und wenn der Jobverlust drohe, sei das für viele der Anlass, Hilfe zu suchen.

Soziologen wie der Berliner Hasso Spode diagnostizieren bereits eine neue Epoche des Asketismus – dies wiederum sei eine typische Reaktion der von Abstiegsängsten getriebenen Mittelschicht, die dadurch zeigen wollen, dass sie bessere Menschen sind.

Mit entsprechenden Änderungen im Konsumverhalten rechnet denn auch Stefan Giesen von der Spirituosenbrennerei Bovenkerck aus Hamminkeln. „Wenn Alkohol teurer wird, werden bei uns wohl vor allem Getränke im mittleren Preissegment betroffen sein“, so seine Einschätzung. Wer seinen Drink genussvoll schlürfe, lasse sich durch ein, zwei Euro mehr pro Flasche nicht von seinem Vergnügen bringen. Am unteren Ende der Skala bleiben dann im Wortsinne der arme Schlucker und dessen Angehörige.

Dass beim Alkohol, anders als beim Nikotin, eben nur der Einzelne und nicht dessen Umfeld gefährdet sei, hält Suchtmediziner Christof Stichelhaus für einen gefährlichen Trugschluss: Ein Alkoholkranker richte unter Familie, Freunden und Kollegen erhebliches Leid an, betont er.