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Interview

Arbeitsagentur-Vorstand Becker: "Deutschland wird den Bedarf an Fachkräften nicht stillen können"

18.10.2012 | 19:49 Uhr
Arbeitsagentur-Vorstand Becker: "Deutschland wird den Bedarf an Fachkräften nicht stillen können"
Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.Foto: Jakob Studnar

Essen.   Ingenieure und Ärzte fehlen schon jetzt - bald wird es in Deutschland auch an Schlossern oder Elektrikern mangeln. Ab 2013 sollen deshalb auch Auszubildende aus dem Ausland angeworben werden.

Schon mangelt es Deutschland an Ingenieuren und Ärzten. In ein paar Jahren aber werden auch Schlosser oder Elektriker fehlen. Ein Gespräch mit Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

Deutschland hat sich im Vergleich zu anderen europäischen Staaten von der Finanzkrise schnell und gut erholt. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Sieht die Zukunft auch so rosig aus?

Becker: Der Arbeitsmarkt ist heute robust und wird so auch ins nächste Jahr gehen. Der prognostizierte Rückgang des Bruttoinlandsproduktes wird dazu führen, dass die Arbeitslosigkeit etwa auf dem Niveau von 2012 bleibt, vielleicht wird es 30.000 Arbeitslose mehr geben. Der Anstieg der Beschäftigung wird vorerst bleiben. Aber Deutschland wird das Problem haben, in den nächsten fünf bis zehn Jahren den Bedarf der Wirtschaft an qualifizierten Fachkräften nicht stillen zu können.

Wie hoch wird der Fachkräftemangel sein?

Becker: Was die Gesamtheit der Arbeitskräfte betrifft, werden wir im Jahr 2025 etwa 6,5 Millionen Arbeitskräfte weniger haben, die die Wirtschaft braucht – wenn wir nichts unternehmen. Aber wir arbeiten ja daran, z.B. nehmen mehr ältere Arbeitnehmer und Frauen am Erwerbsleben teil, und es gibt eine leichte Zuwanderung. Trotzdem werden es bis 2025 immer noch 3,5 Millionen. Arbeitskräfte weniger sein.

Wie sieht die Lösung aus?

Becker: Wir brauchen eine Doppelstrategie. Zum einen müssen wir inländisches Potenzial aktivieren, indem wir zum Beispiel Familie und Beruf besser vereinbaren, eine bessere Kinderbetreuung schaffen, damit mehr Frauen am Erwerbsleben teilhaben können. Auch beim Übergang von der Schule in den Beruf können wir besser werden. Aber selbst das wird nicht ausreichen. Deshalb brauchen wir zusätzlich eine gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften.

Seit Mai 2011 gibt es die Arbeitnehmerfreizügigkeit für die Staaten in Osteuropa. Was hat sie gebracht?

Becker: Es sind „nur“ 100 000 gekommen. Davon sind 80 000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das sind nicht nur diejenigen gewesen, die zugewandert sind. Sondern: Viele, die bereits in Deutschland waren, haben ihren Beschäftigungsstatus geändert haben. Das heißt: Die Erwartung, dass Hunderttausende Menschen durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Deutschland kommen, hat sich nicht bewahrheitet.

Woran liegt das?

Becker: Deutschland hat lange gezögert und die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht früher gewährt. Wir haben die Frist bis zum Schluss ausgereizt. Viele Arbeitnehmer aus diesen osteuropäischen Ländern haben deshalb Beschäftigung in Großbritannien – England, Irland – gefunden, dort Netzwerke gegründet, durch die weitere Arbeitnehmer angezogen wurden.

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    Seite 3: Stiehlt Deutschland den Krisenstaaten die Zukunft?
    Seite 4: Wie Deutschland um Nachwuchskräfte werben sollte

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Kommentare
21.10.2012
18:20
Hier: "Wir haben mit dem Ministerium ein Programm über 40 Millionen Euro entwickelt, mit dem wir in Sprachkurse in z.B. Portugal, Spanien und Polen investieren können, um Jugendliche für Deutschland fit zu machen."
von nachdenken | #25

Wer ist denn hier "wir"?
40 Millionen?
Aus Beitragsbeträgen?
Also bezahlen die Arbeitslosen jetzt die eigene Konkurrenz?
Und kriegen dann Kürzungen des Arbeitslosengeldes wegen Meldeversäumnissen wie Schwerverbrecher?

1 Antwort
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von meinemeinungdazu | #25-1

So ist deutsche verlogene Politik. Eigene Chancen werden vernichtet. Warum?: Es geht um Lohndumping, um nichts anderes.

21.10.2012
18:16
Apropos, meine Verwandtschaft hat noch einen Artikel aus den 90er Jahren,
von nachdenken | #24

worin steht, dass seit etwa 5 Jahren (2007-2010) Fachkräftemangel herrscht.
Das war so schlimm, dass halb Deutschland ausgewandert ist nach Norwegen, Schweden, Schweiz, Kanada....alle im besten Alter, alle in Deutschland gut ausgebildet.

Früher hat man gesagt, dass er billiger ist, seine Kundschaft zu halten, als neue durch Werbung zu erreichen. Faktor so etwa 1:10 betriebswirtschaftlich gesehen.
Vielleicht hilft es ja, unsere Steuergelder als Werbung in Griechenland etc. zu verbraten, aber besser sollte in Kanada geworben werden.
Vielleicht kommen unsere schon fertig ausgebildeten, deutsch sprechenden Fachleute wieder nach hause....
Und wir haben ja Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa, also werden die Griechen und alle anderen schon wissen, dass sie auch in Deutschland arbeiten können, wenn sie wollen.
Wenn Unternehmen die Leute haben wollen, dann sollen _sie_ auch die Kosten für die Deutschkurse und Weiterbildung übernehmen - nicht die Beitrags- und Steuerzahler der Agentur.

21.10.2012
17:21
So lange Ingenieure über Leiharbeitsfirmen beschäftigt werden, so lange ist von Fachkräftemangel keine Spur zu sehen...
von nachdenken | #23

Erst wenn die letzte "Ingenieurs-Dienstleistungsfirma" Insolvenz angemeldet hat, erst dann könnte man von ausgeglichenem Arbeitsmarkt bei Fachkräften reden. Geschweige denn von einem "Mangel"...
So lange es z.B. Ingenieure gibt, die seit 20 Jahren bei Uhde in Dortmund über einen Dienstleister bei rund einem Drittel weniger Gehalt arbeiten, so lange sind die Mangelerscheinungen Märchen....
Das Drittel des Verdienstes geht an die Leiharbeitsfirma...
Dumm ist einfach auch, dass diese Zwischenhändler keinen anständigen Beruf gelernt haben und außer Menschen versklaven nichts können. Dumm auch, dass Firman, die gut aufgestellt sind ihre hochqualifizierten (und auch weniger hoch qualifizierte) Mitarbeiter in keinster Weise wertschätzen, wenn sie dies über Jahre in einem unsicheren Arbeitsverhältnis belassen.
Da hilft nur eine gewisse Gegenwehr: Sabotage an Stellen, bei denen man nicht auffällt, dass man sie ausführt. Gutgläubigkeit und Loyalität zahlt sich halt nicht aus.

21.10.2012
11:25
dummes Gerede - es gibt keinen Fachkräftemangel
von Berufshartzer | #22

Lehrlinge aus dem Ausland sind halt billiger. Die werben nämlich keine aus England oder der Schweiz an, sondern gezielt aus Osteropa. Groschen gefallen?

20.10.2012
21:25
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von Dieselpumpe | #21

Die Beckerschen Textpassagen strotzen ja nur so von Logik und Pragmatismus!
………..Was die Gesamtheit der Arbeitskräfte betrifft, werden wir im Jahr 2025 etwa 6,5 Millionen Arbeitskräfte weniger haben…..
Verrechnet man den regelmäßig in den Medien bekannt gemachten Stellenabbau und die statistischen“ Arbeitslosenzahlen, sollte sich der deutsche Arbeitsmarkt wohl bis 2025 selbst „bereinigen“ können.

Die politischen Gremien wären gut beraten, wenn sie sich mal Gedanken darüber mach wie das Heer der versklavten und ausgebeuteten „Minijobber“ in vernünftige Arbeitsverhältnisse kommen könnte.

Der einstigste „Bedarf“ der in Deutschland nicht gestillt wird, ist die Gier von Becker & Co. nach immer mehr Geld fürs eigene Portemonnaie.
Das Ärgste an der Sache ist noch, dass solche Dumm-Schwätzer aus Steuergeldern finanziert werden.

20.10.2012
18:25
Das (K)Indische Halstuch
von wohlzufrieden | #20

Wir werden neuer indischer Bundesstaat. Dort gibt es genug Menschen, die für eine Scheibe Brot den ganzen Tag hart arbeiten, und damit den Traum der Frau von der Leyen samt Arbeitgeber in Erfüllung gehen lassen.

20.10.2012
14:57
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von Juelicher | #19

Viele andere Kommentatoren haben bereits klar darauf hingewiesen, dass es den behaupteten Fachkräftemangel - außer in kleinen Teilbereichen oder Regionen - nur als Fata Morgana gibt. Vor kurzem zeigte ein politsches TV-Magazin, wie die Wirtschaftsverbände zu ihren Zahlen kommen. Man nimmt die Zahl der bekannten freien Stellen der Ingenieure (dabei auch immer wieder Schein-Angebote, um den Markt zu testen) und multipliziert diese um den Faktor sieben!!! So kommt man dann locker auf 120.000 oder mehr fehlende Ingenieure! In der Realität ist die Zahl der Arbeitssuchenden Ings kaum niedriger als die der offenen Stellen.
Das Anwerben der ersten ausländischen Arbeitskräfte in den 50ern u. 60ern wurde schon trotz einer damals noch relativ hohen Erwerblosenzahl betrieben, nur um die Löhne im Zaum zu halten. Heute erzählen die Freunde der Migration dem Bürger gerne das Märchen vom Deutschen, der sich damals angeblich zu fein gewesen sei, weiterhin die Drecksarbeit zu leisten.

2 Antworten
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von meinemeinungdazu | #19-1

Mehr Einwanderung erhöht das niedrigere Lohndiktat. Ich denke schon, dass die Bürger das heute wissen und dem Irrglauben keinen Glauben schenken.

Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von tierfreund61 | #19-2

Ja ich glaube auch das die Bürger das wissen. Aber was soll der arbeitslose Facharbeiter machen wenn er trotz Bemühungen keine Chance auf vernünftig bezahlte Arbeit bekommt?

20.10.2012
14:36
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von morgenroete | #18

Herr Becker, in etwas mehr als 5 Monaten ist der erste April!!

20.10.2012
12:31
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von birne111 | #17

Alle rein holen .Wir erhoeen Harz 4 auf 1000 euro und wir deutsche bleiben mit unserem Hintern zuhause , und gehen arbeiten.

20.10.2012
11:22
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von Papageiengeplapper | #16

Welch ein Unsinn. Bis dahin sind längst alle Industriearbeitsplätze in Billigstlohnländer verlagert und wir brauchen keine Fachkräfte mehr. Diese auf kurzfristigen finanziellen Erfolg und langfristig auf ein Megadisaster ausgerichtete Politik wird sich bitter rächen.

1 Antwort
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von meinemeinungdazu | #16-1

Sie könnten Recht behalten.

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