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Justiz

Angst füllt die Gefängnisse

16.01.2009 | 11:28 Uhr

Essen. Seit Jahren geht die Zahl schwerer Straftaten zurück. Doch Deutschlands Gefängnisse werden immer voller. Ein Grund ist die gefühlte Wirklichkeit. Kriminologen stellen fest: Staatsanwälte und Gerichte greifen härter durch. Auch die Politik hat auf den Ruf nach härteren Strafen reagiert.

Die JVA in Siegburg. In Nordrhein-Westfalen saßen im vergangenen Jahr 14 600 Strafgefangene ein. (Foto: ddp)

Die gefühlte und die tatsächliche Wirklichkeit können manchmal zwei höchst verschiedene Dinge sein. Augenfällig ist das insbesondere bei der Wahrnehmung von Kriminalität. Seit Jahren zeigen die polizeilichen Statistiken einen Rückgang schwerer Straftaten. Ganz im Gegensatz dazu scheint das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung immer mehr abzunehmen. Diese verzerrte Wahrnehmung der Realität ist nach Ansicht von Kriminologen ein Hauptgrund dafür, dass Deutschlands Gefängnisse immer voller werden.

Die Fakten: Bundesweit hat die Zahl der bekannt gewordenen Straftaten zwischen 1993 und 2007 um 6,9 Prozent abgenommen. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Strafgefangenen um fast 60 Prozent. 1993 saßen in deutschen Gefängnissen noch knapp 41 600 Menschen, die zu einer Freiheits- oder Jugendstrafe verurteilt worden waren, 2008 waren es rund 64 000.

Christian Pfeiffer führt diese Entwicklung auf einen zunehmenden "Bestrafungsdruck" auf Staatsanwälte und Gerichte zurück. Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN). Er beobachtet schon seit Jahren mit Sorge, dass die "gefühlte Kriminalitätstemperatur" nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Die Zahl von Morden, Banküberfällen, Wohnungseinbrüchen oder Autodiebstählen gehe seit Jahren teils massiv zurück, die Bevölkerung jedoch glaube, dass es in den vergangenen zehn Jahren einen erheblichen Anstieg eben solcher Straftaten gegeben habe.

Politik hört auf Volkes Stimme

Diese gesellschaftliche Wahrnehmung ist wohl auch der medialen Aufarbeitung von Verbrechen geschuldet. Tragische Fälle wie der der kleinen Michelle, die im vergangenen Jahr in Leipzig ermordet wurde, oder der der achtjährigen Kardelen aus Paderborn brennen sich noch tiefer in das gesellschaftliche Bewusstsein ein, wenn sie von manchen Boulevardmedien reißerisch ausgeschlachtet werden, um Auflage oder Einschaltquote zu machen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Menschen, die das KFN befragte, der Meinung waren, im Jahr 2003 seien 115 Menschen einem Sexualmord zum Opfer gefallen. Tatsächlich waren es 20.

Die Angst vor Verbrechen geht einher mit der Forderung nach härteren Strafen. Und die Politik hört auf Volkes Stimme. So wurde 2004 die nachträgliche Sicherungsverwahrung eingeführt. Den Weg für diese Maßnahme hatte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder drei Jahre zuvor geebnet, als er für Sexualstraftäter forderte: "Wegschließen - und zwar für immer!" Seit 1992 wurden zudem 42 Straftatbestände verschärft. Nun könnte man annehmen, der Rückgang bei vielen Delikten hänge vielleicht mit diesen härteren Strafen und ihrer abschreckenden Wirkung zusammen. Demzufolge müssten allerdings die USA mit ihren drakonischen Strafen nahezu verbrechensfrei sein - ein Trugschluss also.

Teurer Strafvollzug

Christian Pfeiffer hat andere Erklärungsansätze: Abschreckend sei vor allem eine bessere Polizeiarbeit. Die "Zuwanderung von Armut" sei durch den 1992 beschlossenen Asylkompromiss zum Erliegen gekommen, außerdem fördere die "Vergreisung" Deutschlands die innere Sicherheit.

Die tendenziell höheren und häufiger verhängten Freiheitsstrafen sind nach Auffassung Pfeiffers vor allem eines: Geldverschwendung. Ein Hafttag kostet etwa 80 Euro. In NRW, wo die Zahl der Strafgefangenen seit 1990 um rund 30 Prozent auf rund 14 600 gestiegen ist, kostete ihre Unterbringung im vergangenen Jahr also gut 426 Millionen Euro. Bundesweit seien durch die Strafverschärfungen Mehrkosten von gut sechs Milliarden Euro entstanden, so Pfeiffer: "Das Geld könnte besser in Bildung investiert werden."

Jüngere Richter urteilen härter

Axel Dessecker, stellvertretender Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, bezeichnet die Entwicklung aus einem anderen Grund als "bedenklich": Mit der Verhängung einer Freiheitsstrafe werde einem Menschen "von Staats wegen Übel zugefügt. Das sollten wir begrenzen." Er glaubt auch daran, dass öffentlicher Druck das Entscheidungsverhalten von Gerichten beeinflusst. Er habe, sagt er, schon oft "nachdenkliche Vertreter der Justiz" gesprochen, die erschrocken darüber gewesen seien, wie viele Menschen sie inhaftiert hätten.

Die Richter selber wehren sich gegen die Einschätzung, bei der Urteilssprechung von der öffentlichen Meinung beeinflusst zu werden. "Ein Richter im Strafrechtsbereich hält einen solchen Druck gut aus", sagt Stefan Caspary, Präsidiumsmitglied im Richterbund. Allerdings sei das Durchschnittsalter der Richter gesunken. "Jüngere strafen tendenziell härter als ältere Kollegen." Und nicht zuletzt: "Wir sprechen im Namen des Volkes. Deshalb wollen wir uns allgemeinen Strömungen nicht verschließen."

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Jan Jessen

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Kommentare
17.01.2009
22:01
Angst füllt die Gefängnisse
von Meinolf S. | #41

Herr Pfeiffer ist ein Schönwettermacher erster Kajüte.

Auch seine Verharmlosungen bezüglich ausländischer Straftäter sind unerträglich.

Ich würde ihm empfehlen, mal nachts durch unsere Städte zu gehen. Oder besser: seine Frau (sofern vorhanden) gehen zu lassen. Aber den Statistik-Ordner nicht vergessen!

Die Kriminalstatistiken sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Ich habe in meinem Bekanntenkreis vielfach die Erfahrung gemacht, dass Straftaten gar nicht erst angezeigt werden (obwohl die Täter bekannt sind), weil man Angst vor Repressalien der entsprechenden „Grossfamilien“ hat. Das Nicht-Anzeigen hat übrigens nichts mit fehlender Zivilcourage zu tun, es ist in den meisten Fällen schlichtweg vernünftig, da die Täter durch unsere äußerst lasche Justiz viel zu häufig Bewährungsstrafen erhalten.

Auch wenn Pfeiffer uns etwas Anderes weiss machen will: Die Gefängnisse sind bekanntermaßen massiv überfüllt und deshalb erhalten viele, die eigentlich dort hinein gehörten, Bewährungsstrafen.

17.01.2009
14:50
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von miriamlessmann | #40

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17.01.2009
09:11
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von G.E. Horster | #39

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17.01.2009
08:58
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von G.E. Horster | #38

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17.01.2009
01:14
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von KevinKohlrabi | #37

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16.01.2009
23:34
Angst füllt die Gefängnisse
von Vanagas | #36

Es werden von der Presse gute Nachrichten gefakt damit wir nicht alle durchdrehen in diesem Land !

16.01.2009
14:28
Angst füllt die Gefängnisse
von Steuerzahler2000 | #35

Zitat, verifizierbar:

Was Bosbach besondere Sorgen bereitet, ist die Entwicklung der Gewaltkriminalität. Die Mitleidslosigkeit gegenüber den Opfern nehme immer mehr zu: wo gestern geschubst wurde, werde heute zugeschlagen, wo gestern zugeschlagen wurde, werde heute zugestochen. Und: Die Täter werden immer jünger. *...
http://www.main-rheiner.de/region/objekt.php3?artikel_id=3581931

*Die Opfer auch.


Die Minister beklagen Entwicklungen, die sich gegen den Grundkonsens in der Demokratie richten. Die hohe Gewaltkriminalität besonders unter Kindern und Jugendlichen und die Zunahme extremistischer Einstellungen und Straftaten gäben ebenso Anlass zur Sorge wie die wachsende Politikverdrossenheit und eine schwindende Beteiligung an demokratischen Prozessen.

@Pfeiffer: So sagts dein Dienstherr Schäuble und die Mutter der Nation v.d.Leyen.
Die strafen dich Lügen, Pfeiffer!
http://www.abendblatt.de/daten/2009/01/07/1003642.html

GdP-Chef Konrad Freiberg:
Wir beobachten seit langem einen beängstigenden Anstieg der gewalttätigen Übergriffe auf Polizistinnen und Polizisten wie der Gewaltkriminalität im Ganzen.
Aus der PKS lässt sich dies so deutlich aber nicht erkennen, da die dokumentierten Straftaten entweder nicht weit genug gefasst sind oder in größeren Straftatengruppen versteckt sind. So seien im Bereich der Gewaltkriminalität mit einer Gesamtfallzahl von 217.923 im Jahr 2007 weitere 368.434 Fälle vorsätzlicher, leichter Körperverletzungen per Definition nicht enthalten.
Freiberg: Dies beschönigt die Gesamtsituation und verfälscht den Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit.


Quelle/Kontaktadresse:
Gewerkschaft der Polizei - Bundesgeschäftsstelle (GdP)
http://gdp.de

@Pfeiffer: Damit bist du als Täuscher entlarvt.

16.01.2009
14:00
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von miriamlessmann | #34

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16.01.2009
13:58
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von miriamlessmann | #33

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16.01.2009
13:37
Angst füllt die Gefängnisse
von KevinKohlrabi | #32

Pfeiffer ist doch der, der immer das Gleiche sagt:
wenn der Emil mit dem Memet im Kindergarten spielt, gibt es später weniger Gewalt zwischen den Beiden

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