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Als Merkel Schröders Biografie vorstellt, hat er nasse Augen

22.09.2015 | 18:48 Uhr
Als Merkel Schröders Biografie vorstellt, hat er nasse Augen
Er verneigt sich - und sie zieht die Schultern hoch: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) reicht ihrem Vorgänger Gerhard Schröder nach der Vorstellung der neuen Biografie über Schröder die Hand.Foto: Michael Kappeler/dpa

Berlin.   Zwei Machtmenschen erweisen sich gegenseitig Ehre: Für eine Buchvorstellung trafen in Berlin die Bundeskanzlerin und ihr Vorgänger zusammen.

Wann erfährt man die höchste Anerkennung? Wenn zu Lebzeiten Biografien über einen geschrieben werden? Mit 936 Seiten Text und fast 100 Seiten Anhang? Vielleicht. Aber am größten ist die Ehre, wenn sich der Konkurrent von einst die Zeit nimmt, diese neue Biografie zu präsentieren. Und wenn es sich dabei um niemand Geringeren handelt als um die amtierende Bundeskanzlerin.

Für beide, für Gerhard Schröder, SPD, und Angela Merkel, CDU, war die Präsentation der neuen Gerhard-Schröder-Biografie von Gregor Schöllgen am Dienstag eine Win-Win-Situation. Schröder, weil ihm diese große Ehre schon zu Lebzeiten zuteil wurde, und für Merkel, weil sie zeigen konnte, wie man mit einem ehemaligen Bundeskanzler umzugehen hat. Voller Respekt und lobend gegenüber der schwersten Aufgabe seiner Amtszeit.

Merkel erkennt Schröders Verdienste an

„Mit der Agenda 2010 hat sich Gerhard Schröder um unser Land verdient gemacht“, sagt Merkel. Und darum geht es an diesem Vormittag, um Lebensleistungen – und nicht nur um die von Altkanzler Schröder. Denn es geht bei allem irgendwie, was bei diesem Treffen in der Bundespressekonferenz gesagt wird, auch um die Bilanz von Merkels zehnjähriger Amtszeit.

Seite an Seite posieren Merkel und Schröder für die Fotografen. Auf dem Podium aber sitzen sie getrennt. Der Biograf Schöllgen hat den Stuhl zwischen beiden eingenommen. Gleich zu Beginn stellt er fest: „Beide sind Kämpfer und haben erhebliche Nehmerqualitäten.“ Bei diesem Satz nicken Merkel und Schröder ausgiebig.

Erinnerung an den Wahlabend 2005

Merkels und Schröders Schwergewichtskampf fand in der Elefantenrunde am Wahlabend des 18. September 2005 statt. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder prophezeite in einer „testosteronen Explosion“, wie Schöllgen schreibt, seiner Konkurrentin: „Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Das ist eindeutig. Machen Sie sich da gar nichts vor.“

Angesprochen auf diesen Abend sagt Gerhard Schröder mit einem Lächeln: „Das ist inzwischen schon eine Kultsendung. Mein Auftritt war damals lustvoll bis suboptimal.“ Nun von Freundschaft zwischen Merkel und Schröder zu sprechen, ist sicherlich zu viel an diesem Tag, eher handelt es sich um die Anerkennung zweier Machtmenschen füreinander.

Schröder hat Wasser in den Augen

Schröder hört mit wässrigen Augen den Ausführungen seines Biografen und der Kanzlerin zu. Als beide nach Fehlern des jeweils anderen gefragt werden, schweigt Schröder, Merkel nicht. Es geht um Macht. Sie sagt: „Ich habe es nicht richtig gefunden, dass er den Parteivorsitz abgegeben hat. Das war (...) absehbar, dass damit auch etwas Wichtiges nicht mehr da war in einer Hand. (...) das war für mich so ein Punkt, wo ich gedacht habe: Das hat Konsequenzen.“ Damit dürfte klar sein, dass Merkel für sich entschieden hat, Kanzleramt und CDU-Vorsitz in ihrer Hand zu behalten – oder beides aufzugeben.

Rückblickend hebt Merkel aber vor allem Positives an Schröder hervor: seinen unbedingten Machtwillen, Pragmatismus und die Fähigkeit zu kämpfen. „Ich habe immer gewusst, dass er in guter Wahlkämpfer ist.“ Einer, der „alles oder nichts“ könne, weil er es seit seiner Kindheit so kenne. Schröder stimmt dem zu und sagt, dass er viele Details seiner Familiengeschichte erst aus dem Buch erfahren habe. Wie dass sein leiblicher Vater hohe Strafen für Diebstähle – einmal klaute er etwas zu essen, ein anderes Mal Kleidung – bekommen hatte. Diese Umstände hätten natürlich auf sein Leben gewirkt. „An meiner Wiege wurde nicht gesungen, dass ich Bundeskanzler werde, aber mit Verlaub Frau Merkel, an Ihrer auch nicht.“

Kanzler dürfen nicht am Stuhl kleben

Und was macht einen Kanzler nun aus? Das beantwortet Schöllgen. Kanzler müssten für ihre Ziele den Verlust der Kanzlerschaft in Kauf nehmen. So war es bei Schröder bei der Agenda 2010. So ist es retrospektiv vielleicht für Merkel die Flüchtlingspolitik und somit irgendwann ihre größte Leistung.

Als ein Journalist abschließend wissen möchte, ob sie und Schröder nun auch mal zusammen Essen gehen, amüsiert sich der Altkanzler und die Kanzlerin antwortet: „So ausschweifend wollen wir mal nicht werden. Aber wir telefonieren, wenn es nötig ist.“

Diana Zinkler

Kommentare
23.09.2015
07:12
Als Merkel Schröders Biografie vorstellt, hat er nasse Augen
von erbsenzaehler | #9

Mutti mußte dieses Dankesdienst werweisen.
Schröder hat mit seiner Politik dafür gesorgt, daß
a) die SPD keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr...
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2015-09-22 18:48
Politik