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Als Honecker für seine eigene Absetzung stimmte

16.10.2009 | 16:16 Uhr
Als Honecker für seine eigene Absetzung stimmte

Berlin. Nach der großen Montagsdemo am 16. Oktober 1989 in Leipzig nahte das Ende von Erich Honecker. Nur einen Tag später wurde der Staatsratsvorsitzende der DDR gestürzt. Das Mitglied der Führungsriege, Günter Schabowski, erinnert sich, wie das SED-Politbüro Honecker vor 20 Jahren überrumpelte.

Schon im Spätsommer 1989 hatte Günter Schabowski den Sturz Erich Honeckers erwogen. „So kann es nicht weitergehen.” Diese Einschätzung teilte der damalige Berliner SED-Bezirkschef im Politbüro anfangs nur mit Egon Krenz und Gewerkschaftschef Harry Tisch. Wochenlang suchten sie konspirativ nach Verbündeten im Machtzentrum der DDR.

Als am 16.Oktober an der Montagsdemo in Leipzig rund 120 000 Menschen teilnahmen, versuchten die „Verschwörer” per Telefon Politbüromitglieder für die Absetzung des zunehmend realitätsblinden Generalsekretärs zu gewinnen. Gerade mal die Hälfte der SED-Altherrenriege galt als sichere Kandidaten für die entscheidende Politbüro-Sitzung am 17.Oktober.

Eine Änderung der Tagesordnung

Das Gemälde "Bruderkuss" des russischen Malers Dimitrij Vrubel. Als Vorlage diente Vrubel ein Foto der historischen Szene zwischen dem früheren Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnjew, und dem früheren Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker. Foto: Steffi Loos/ddp

„Honecker betrat kurz nach zehn Uhr den Sitzungssaal”, erinnert sich Schabowski. Er begrüßte jeden persönlich. „Ich hatte ein schechtes Gewissen, weil ich zu den Schurken gehörte.” Gleich zu Beginn sei DDR-Ministerpräsident Willi Stoph dem damals 77-jährigen Honecker ins Wort gefallen und habe „ganz trocken” eine Änderung der Tagesordnung vorgeschlagen. Punkt 1: Absetzung des Generalsekretärs Erich Honecker.

Nicht einmal seine Getreuen ergriffen das Wort für ihn. „Sie hatten doch Wind bekommen, dass es sich nicht lohnen würde, sich auf die Seite Honeckers zu schlagen, so dass auch sie erklärten: er müsse gehen.”

Palastrevolutionär Schabowski schilderte kürzlich diese Szenen so lebendig, als sei es erst ein paar Tage her. Politisch hat er - so radikal und so früh wie kein anderer früherer DDR- Spitzenpolitiker - mit seiner Vergangenheit gebrochen und sich zu Mitverantwortung und moralischer Schuld bekannt. Bis zu diesem Oktobertag allerdings blickte er auf ein linientreues Leben im SED-Staat zurück.

„Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen”

Der heute 80-jährige Schabowski, der damals zu den jüngsten der 21 Politbüro-Mitglieder gehörte, hielt die Realitätsferne der greisen Führung nicht mehr aus. Während die Bürger lautstark Reformen forderten oder in Scharen dem Land den Rücken kehrten, kommentierte Honecker kurz vor seiner Entmachtung die Ausreisebewegung mit dem Satz: „Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen.”

Der Palastrevolutionär Günter Schabowski. Foto: Marcus Brandt/ddp

Längst lieferte die Stasi ungeschönte Einschätzungen. Leitende Mitarbeiter in Staat und Wirtschaft und SED-Funktionäre akzeptierten nicht mehr, heißt es in einem MfS-Lagebericht vom 16.Oktober 1989, „daß es im realen Sozialismus Massenfluchten, Mangelerscheinungen, ökonomische Stagnation, offene Unzufriedenheit unter der Bevölkerung sowie lebensfremde Medienpolitik” gäbe.

Seit dem Sommer informierte MfS-Minister Erich Mielke das SED-Politbüro regelmäßig über die neuen beunruhigenden Entwicklungen. „Während wir sitzen, hat sich die Lage schon verändert”, meinte Mielke auf einer Sitzung und: „Wir können doch nicht anfangen, mit Panzern zu schießen.” Mielkes realistische Einschätzungen blieben bei dem längst vom Altersstarrsinn geprägten Honecker und seinen engsten Vertrauten Günter Mittag (Wirtschaft) und Joachim Herrmann (Propaganda) bis zuletzt ohne Folgen. Gleichwohl geriet die Absetzung Honeckers zu einer Polit-Groteske: der greise Generalsekretär hatte am Ende der Politbüro-Sitzung „nach kommunistischer Ordenspraxis” (so Schabowski) für seine eigene Absetzung gestimmt.

Schabowski wird zum unfreiwilligen Maueröffner

Honeckers Nachfolger, Egon Krenz. Foto: Getty

Opportunismus und Scheinheiligkeit gipfelten dann am 18.Oktober in der gesichtswahrenden Erklärung, Honecker bäte das Zentralkomitee der SED, ihn aus gesundheitlichen Gründen von den Ämtern des Generalsekretärs und des DDR-Staatsratsvorsitzenden zu entbinden. Sein Nachfolger Egon Krenz dankte ihm und wünschte „Gesundheit und Wohlergehen”. Mit dem Saarländer mussten auch Mittag und Herrmann ihren Hut nehmen. Am Abend sprach der frühere FDJ-Chef erstmalig davon, in der DDR eine „Wende” einleiten zu wollen und kündigte neue Reisebestimmungen an.

Nur drei Wochen später wird Schabowski zum unfreiwilligen Maueröffner. Als er ankündigte, die neue Reiseverordnung trete „sofort, unverzüglich” in Kraft, brach sich spontan Bahn, was Krenz und Schabowski eigentlich unter Kontrolle halten wollten, um den SED-Staat zu retten. NRZ

Peter Gärtner

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Kommentare
16.10.2009
21:39
Als Honecker für seine eigene Absetzung stimmte
von dasKollektiv | #3

Und schnell biederte sich IM-Erika Helmut Kohl an.

16.10.2009
18:25
Als Honecker für seine eigene Absetzung stimmte
von favorit | #2

Mielke und seine Genossen, für Verbrechen der schlimmsten Art in der DDR verantwortlich, heute als Verschwörer zu verklären, ist einfach unglaublich. Zur Hölle sollen sie fahren!
Die einzigen Palastrevolutionäre sind das Volk.

16.10.2009
17:16
Blockierter Kommentar.
von Matthias.Kiesel | #1

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