Als "Big Brother" völlig versagte
06.10.2008 | 20:45 Uhr 2008-10-06T20:45:12+0200Nach dem Angriff von schwerbewaffneten PKK-Einheiten auf einen türkischen Außenposten gerät die Militärführung unter öffentlichen Druck. Rückschlag für Erdogans Kurdenpolitik
Ankara. Nach den schweren Gefechten in der türkischen Südostprovinz Hakkari, bei denen am Wochenende 15 Soldaten und 23 kurdische Rebellen getötet wurden, gerät die Streitkräfteführung in die Kritik. Türkische Medien fragen: Warum blieb der Aufmarsch von rund 350 schwer bewaffneten PKK-Rebellen in der Nähe eines Militär-Außenpostens unbemerkt? Die PKK hatte den Stützpunkt der paramilitärischen Gendarmerie an der irakischen Grenze angegriffen. Dabei setzte sie Raketenwerfer und Artillerie ein.
Im Februar waren die türkischen Streitkräfte in einer einwöchigen Luft- und Bodenoffensive gegen PKK-Lager im Nordirak vorgegangen, hatten nach eigenen Angaben 240 Rebellen getötet und Ver- stecke der Separatisten zerstört. Damals hieß es seitens des Militärs, die PKK sei weitgehend "neutralisiert". Auch in den vergangenen Monaten flog die Luftwaffe immer wieder Angriffe auf mutmaßliche PKK-Stellungen im Nordirak, wo etwa 2500 Kämpfer vermutet werden. Bei ihren Angriffen stützt sich die Luftwaffe auch auf Erkenntnisse des US-Militärs, die dem türkischen Generalstab zur Verfügung stehen. Der frühere Generalstabschef Yasar Büyükanit sagte im Frühjahr, dank dieser geheimdienstlichen Zusammenarbeit habe man von den Vorgängen im Nordirak ein so genaues Bild wie von einem Haus der TV-Serie Big Brother.
"Wo war Big Brother?", fragt jetzt die Zeitung Radikal. Wie konnte den Kommandeuren entgehen, dass sich eine so große Zahl von PKK-Kämpfern mit schweren Waffen an der Grenze für einen Angriff formierte? Der stellvertretende Generalstabschef Hasan Igsiz entschuldigte sich damit, dass es technisch unmöglich sei, jede Einzelheit in einer so großen Bergregion ständig im Blick zu haben.
Kritik gibt es aber auch an der unzureichenden Sicherung des Gendarmerie-Stützpunktes von Aktüntün, der seit 2007 Ziel von drei PKK-Angriffen war. "Wird es eine Untersuchung geben?", fragt der Kolumnist Oktay Ekci in der Zeitung Hürriyet. Immerhin: fünf besonders exponierte Militär-Außenposten an der Grenze sollen verlegt werden.
Für Ministerpräsident Tayyip Erdogan ist die jüngste Eskalation im Kurdenkonflikt ein schwerer politischer Rückschlag. Die Massendemonstrationen bei den Begräbnissen der getöteten Soldaten und anti-kurdische Aufmärsche in vielen Städten zeigen, wie vergiftet das Klima zwischen Türken und Kurden ist. Erdogan setzte bisher auf eine politische Entspannung des Konflikts. Er verspricht den Kurden mehr kulturelle Rechte und will knapp neun Milliarden Euro investieren, um in den Südostprovinzen die Armut zu bekämpfen, die viele junge Kurden zur PKK treibt.

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