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Al-Kaida ruft Muslime im Westen zu Angriffen auf

15.09.2012 | 18:10 Uhr
Foto: /ddp/Berthold Stadler

Das Terrornetzwerk Al Kaida will die Empörung über das islamfeindliche Video in der islamischen Welt für sich nutzen: Seine Unterorganisation auf der arabischen Halbinsel rief am Samstag zu weiten Botschaftsstürmungen auf und wandte sich ausdrücklich auch an "unsere muslimischen Brüder im Westen", ihren "Pflichten zur Unterstützung des Propheten" nachzukommen.

New York/Kairo (dapd). Das Terrornetzwerk Al Kaida will die Empörung über das islamfeindliche Video in der islamischen Welt für sich nutzen: Seine Unterorganisation auf der arabischen Halbinsel rief am Samstag zu weiten Botschaftsstürmungen auf und wandte sich ausdrücklich auch an "unsere muslimischen Brüder im Westen", ihren "Pflichten zur Unterstützung des Propheten" nachzukommen. Der Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi, bei dem der amerikanische Botschafter und drei weitere Amerikaner getötet wurden, sei bestes Vorbild für die gewünschten Aktionen, erklärte die jemenitische Gruppe Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel.

Die höchste religiöse Autorität in Saudi-Arabien, Großmufti Scheich Abdel Asis al Scheich, mahnte die muslimischen Gläubigen unterdessen zur Besonnenheit. "Muslime sollten sich nicht von Zorn und Wut von legitimer zu verbotener Aktion hinreißen lassen und so unwissentlich einige Ziele des Films erfüllen", erklärte der Großmufti.

Das Schmähvideo "Innocence of Muslims" hat die religiösen Gefühle von Muslimen in aller Welt verletzt. Die Empörung entlud sich am Dienstagabend in gewalttätigen Protesten in Bengasi, bei denen vier US-Diplomaten getötet wurden. Zu den Protesten rufen meist ultrakonservative islamische Gruppen auf. Ob militante Islamisten die Proteste in Bengasi für ihre Zwecke ausnutzten, wird zur Zeit ermittelt.

Der möglicherweise von einem in den USA lebenden koptischen Christen produzierte Film löste eine antiwestliche Protestwelle in der arabischen Welt aus. Besonders nach dem Freitagsgebet kam es in 20 muslimischen Staaten im Nahen Osten, Nordafrika und Südostasien zu Kundgebungen und Ausschreitungen, auch die deutsche Botschaft im Sudan war betroffen. Bei einem Angriff auf die US-Botschaft in Tunis kamen vier Menschen ums Leben. Im Jemen gab es bereits am Donnerstag Ausschreitungen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte die Angriffe auf diplomatische Vertretungen "auf das Schärfste". In einer am Freitag in New York veröffentlichten Erklärung des Gremiums hieß es, diplomatische Vertretungen seien von Natur aus friedlich. Auch die in Tunesien regierende gemäßigt-islamistische Partei Ennahda verurteilte am Samstag den Angriff auf die dortige US-Botschaft.

Die Leichname der vier US-Diplomaten Opfer wurden am Freitag in die USA übergeführt. Auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews fand eine Trauerfeier im Beisein von US-Präsident Barack Obama und US-Außenministerin Hillary Clinton statt.

US-Justiz vernimmt Urheber des islamfeindlichen Mohammed-Films

Beamte der US-Behörde für Bewährungsstrafen vernahmen am Samstag den mutmaßlichen Urheber des islamfeindlichen Mohammed-Films. Ein Sprecher der Polizei von Los Angeles erklärte, die Unterredung mit dem 55-jährigen Nakoula Basseley Nakoula habe in der Polizeiwache von Los Angeles stattgefunden. Er sei nicht festgenommen worden und freiwillig zur der Wache gekommen, die in der Nähe seines Wohnorts in Südkalifornien liegt. Nakoula steht derzeit nach einer Verurteilung wegen Bankbetrugs unter Bewährung. Wie schon am Freitag bekannt wurde, wird derzeit seine Bewährungsstrafe überprüft. Sollten die Behörden einen Verstoß feststellen, müsste Nakoula wohl ins Gefängnis.

Westerwelle fordert Ermittlungen gegen Rechte

Am Freitag hatten aufgebrachte Muslime auch die deutsche Botschaft im Sudan angegriffen. Mehrere Hundert wütende Demonstranten stürmten in der Hauptstadt Khartum die deutsche Vertretung und steckten einen Teil des Gebäudes sowie ein Auto und Mülltonnen in Brand, bevor sie von der Polizei unter Einsatz von Tränengas wieder vom Botschaftsgelände vertrieben wurden. Auch die nahegelegene britische Botschaft war Ziel von Angriffen.

Im Libanon, wo seit Freitag Papst Benedikt XVI. zu Besuch ist, wurde mindestens ein Mensch getötet, 25 weitere wurden bei Protesten verletzt. Im Jemen und in Ägypten kam es nach den Freitagsgebeten zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. "Mit unserer Seele und unserem Blut werden wir dich rächen, unser Prophet", riefen mehrere Hundert Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz. Als sie in Richtung der US-Botschaft ziehen wollten, setzte die Polizei Tränengas ein. Dabei kam ein Demonstrant ums Leben.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi rief im staatlichen Fernsehen zur Ruhe auf, nachdem er sich tagelang nur zurückhaltend geäußert und damit die US-Regierung aufgebracht hatte. Am Freitag telefonierte US-Präsident Obama mit Mursi.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat ein entschiedenes Vorgehen der deutschen Justiz gegen Unterstützer des Anti-Islam-Videos "Innocence of Muslims" gefordert. Wenn Rechtsradikale das Video im Internet auf ihren Seiten verbreiteten, müssten die Behörden im Rahmen ihrer rechtsstaatlichen Möglichkeiten mit aller Härte dagegen vorgehen, sagte Westerwelle am Samstag im thüringischen Saalfeld auf einem Landesparteitag der Thüringer Liberalen.

Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) äußerte sich in einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in diesem Sinne. Hintergrund ist die Ankündigung auf der Website von Pro Deutschland, den Werbetrailer zu veröffentlichen.

Nach Informationen des "Spiegels" war der Angriff auf die deutsche Botschaft in der sudanesischen Hauptstadt Khartum eine Reaktion auf eine Demonstration von Pro Deutschland in Berlin, bei der am 18. August in Berlin Karikaturen des Propheten vor drei Moscheen gezeigt worden waren. Mehrere radikale Vorbeter in Khartum hatten demnach in ihren Predigten auf die Demonstration sowie auf die Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts hingewiesen, das Zeigen der Mohammed-Karikaturen zu erlauben.

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dapd

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