Afghanistans Ex-Präsident Karsai wirbt um deutsche Wirtschaft

Hemers Bürgermeister Michael Esken (mit Kette) empfängt den ehemaligen Staatspräsidenten von Afghanistan, Hamid Karsai, im Sauerlandpark.
Hemers Bürgermeister Michael Esken (mit Kette) empfängt den ehemaligen Staatspräsidenten von Afghanistan, Hamid Karsai, im Sauerlandpark.
Foto: MATTHIAS GRABEN
Was wir bereits wissen
Der ehemalige Staatspräsident von Afghanistan, Hamid Karsai, setzt im Kampf gegen den Terror in erster Linie auf den Wiederaufbau – und weniger auf militärische Lösungen. Seinen Standpunkt erklärte der Politiker gestern in Hemer und Iserlohn: Dorthin kehrt Karsai nächstes Jahr zurück – zum Campus-Symposium.

Hemer.. Er ist Gast – und spricht eine Einladung aus. Eine Einladung, die mehr eine Aufforderung ist, die wie ein Wunsch klingt: Die deutsche Wirtschaft solle sich stärker in Afghanistan engagieren. „Es wird sich für die deutschen Unternehmen lohnen. Sie werden davon enorm profitieren.“ Das sagt Hamid Karsai, ehemaliger Staatspräsident des geschundenen Landes am Hindukusch, im Gespräch mit der WESTFALENPOST.

Karsai, immer noch ein hoher Repräsentant der islamischen Republik und deren Regierung, erhofft sich von den Investitionen mehr als nur eine Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen: Ein Wiederaufbau Afghanistans und die Weiterentwicklung des vom (Bürger-)Krieg traumatisierten Landes, das Schaffen von Jobs, durch die Sicherheit und Unabhängigkeit, von bescheidenem Wohlstand gar nicht zu sprechen, wachsen, ist für den Paschtunen der Weg zu stabilen Verhältnissen, die dem Terror der radikalen Islamisten den Boden entziehen.

Karsai ist aktuell auf Deutschland-Reise, die ihn gestern auch nach Iserlohn und Hemer führt, bevor es weiter in die Hauptstadt nach Berlin geht.

Die Sonne strahlt über dem Sauerlandpark in Hemer, dessen Bäume und Blumen der Frühling erwachen lässt, als die Wagenkolonne vorfährt. Von Sicherheitsbeamten geschützt und von Fotografen umringt, entsteigt Hamid Karsai, mit Karakulmütze aus grauem Persianerfell, lächelnd der silbernen Limousine. Schüttelt Hände. Ist neugierig. Sogleich zugewandt. Unerwartet nahbar. Und wesentlich unaufgeregter als die Hemeraner Honoratioren, die ihn begrüßen: der CDU-Bürgermeister, die SPD-Landtagsabgeordnete, der Geschäftsführer des Sauerlandparks – gerade erst eine gute Woche im Amt. „Ich bin auf dem Weg von Dortmund hierher durch viele schöne Dörfer gefahren“, sagt der Ex-Staatspräsident. Was Bürgermeister Michael Esken nicht unkommentiert lassen kann; Hemer habe doch gut 35 000 Einwohner, erklärt er stolz irgendwie auf Englisch. „Ja, schöne Dörfer“, antwortet Karsai. Und spielt auf seine Herkunft an: „Ich bin ein Mann vom Dorf!“

Hoffnung geben

Wirtschaft, Werte und Sicherheitspolitik

Als er das Gästebuch des Campus-Symposiums, der von einer Studierendeninitiative organisierten Wirtschaftskonferenz, durchblättert, bevor er sich einträgt, kennt er alle Hauptredner vor ihm. Persönlich, versteht sich: Tony Blair, Bill Clinton, Mohammed El Baradei, Condoleezza Rice. Über die US-Außenministerin der zweiten Bush-Administration wird er später, außerhalb des Protokolls sagen, dass er mit ihr am Telefon heftig gestritten habe: Karsai arbeitet auch als Präsident a. D. am Ruf eines starken Staatsmannes mit eigenem Kopf, will keinesfalls Marionette der USA gewesen sein. Und war wohl auch keine.

Als größte Errungenschaft seiner Amtszeit (2001 - 2014) nennt er: „Afghanistan ist wieder eine Heimat für alle Afghanen.“ Keine Ausgrenzung oder gar Verfolgung wie zu Zeiten des Taliban-Regimes: Frauen dürfen wieder einer Arbeit nachgehen, Mädchen wieder Schulen besuchen. Ob sie es auch können, ist eine andere Frage, denn: Was bleibt, ist die Bedrohung durch den Terror, wie der blutige Selbstmordanschlag im ostafghanischen Dschalalabad erst am Wochenende gezeigt hat. „Wir müssen die Axt an die Wurzel des Terrorismus legen“, sagt Karsai; das sei „eine Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft“. Dazu gehöre, die Geldquellen der Extremisten auszutrocknen, aber eben auch der Wiederaufbau, wie etwa in Afghanistan – um den Menschen eine Perspektive, eine Motivation, schlicht: eine Hoffnung zu geben.