AfD vor der Zerreißprobe

Berlin..  Bernd Lucke ist im Skiurlaub. In der Schweiz verfolgt der Chef der Alternative für Deutschland (AfD), wie in der Partei ein Machtkampf seinen Lauf nimmt. Lucke hat ihn gewollt. Er will alleiniger Vorsitzender werden. Dagegen begehren einige in einem Brandbrief auf, allen voran seine bisherigen Co-Sprecher Frauke Petry und Konrad Adam. Die AfD ist darob in tiefe Grabenkämpfe verfallen. Für den Parteitag vom 30. Januar bis zum 1. Februar in Bremen sammelt Lucke offenbar seine Truppen: Am 18. Januar trifft er in Frankfurt die Kreisvorsitzenden. Zuvor wollen Petry und Co. ihn zur Rede stellen. Es droht ein Aufstand. Bricht die AfD wirklich mit ihrem Zugpferd?

Lucke hat aus Ärger über das Euro-Krisenmanagement der Merkel-CDU eine Partei gegründet und damit einen Nerv getroffen. Die AfD sitzt nach nur zwei Jahren schon in drei Landtagen (Sachsen, Brandenburg, Thüringen) und im EU-Parlament. Dass Lucke gern von „meiner Partei“ spricht, empfinden seine Kritiker nicht als Floskel, sondern als entlarvend. In dem dreiseitigen Brief, der am Wochenende bekannt wurde, werfen sie ihm Alleingänge und eine Führung „nach Gutsherrenart“ vor.

Die Partei hat längst Tausende Mitstreiter und ist breiter denn je aufgestellt. Das führte dazu, dass Menschen dazu gestoßen sind, „die nicht allein Alternativen zum Euro suchen“, schreiben die Rebellen. Es seien Bürger, die eine islamische Überfremdung befürchteten oder „die sich ein europäisches Haus nicht gegen Russland wünschen“. Petry unterstützt Pegida. Das gilt auch für Alexander Gauland, der den AfD-Verband in Brandenburg anführt und in der Ukraine-Krise viel Verständnis für Russland aufzeigt.

Gauland, aber auch der Chef der NRW-AfD, Marcus Pretzell, haben ebenfalls Adams und Petrys Brief an Lucke unterschrieben. Sie führen große oder erfolgreiche Verbände, sind selbstbewusst und wollen das Feld nicht Lucke allein überlassen. Es geht um Alleinherrscher-Allüren, letztlich um politische Differenzen. So haben sie sich geärgert, dass Lucke im EU-Parlament für die Sanktionen gegen Russland gestimmt hat.

In dem Brief heißt es, „dies alles, lieber Bernd Lucke, sind Themen, die eine Persönlichkeit allein nicht glaubwürdig repräsentieren kann, vor allem nicht, wenn sie diese inhaltlich nicht teilt“. Sie wollen, dass mehrere Sprecher die Partei führen und sich die Themen aufteilen. Lucke wäre für die Euro-Frage zuständig. Nur dafür.

Wenn er so etwas hört, ist Hans-Olaf Henkel bedient. Gerade ist eine böse Mail von ihm an Adam bekannt geworden. Henkel sitzt neben Lucke im EU-Parlament, auch er fokussiert auf das Euro-Thema, auch er ein begnadeter Alleinunterhalter. Dem früheren BDI-Präsidenten hat die Partei viel zu verdanken: Glamour, Geld. Er will „verhindern, dass die AfD nach rechts abdriftet“. Das Modell der drei Sprecher habe sich nicht bewährt. Den Beweis dafür, dass Lucke richtig liege, habe die Vielstimmigkeit der letzten Wochen geliefert. Im „Tagesspiegel“ sagte Henkel, kein Orchester werde von drei Dirigenten geleitet, kein Fußballverein von drei Cheftrainern.

Taktische Terminfestlegung

Lucke soll die Nummer eins werden, und genau das wollten Gauland und andere ihm ausreden, zunächst unter vier oder sechs Augen. Wenn man ihnen glaubt, hat Lucke sie aber abserviert. Deswegen ihr Brief.

Und Lucke? Sucht die Entscheidung. Dafür spricht, dass er vor seinem Urlaub die Kreisvorsitzenden für den 18. Januar, 12 Uhr, nach Frankfurt gebeten hat. Seine Kritiker erkannten den Sinn des Manövers: Gelingt es ihm, Hunderte Entscheidungsträger „auf Linie“ zu bringen, wird eine Satzungsänderung in Bremen und seine Wahl zum alleinigen AfD-Chef realistisch. Um das zu verhindern, bitten sie im Brief ihrerseits zum Gespräch. Termin: 18. Januar, 9 Uhr, drei Stunden vor dem Treffen mit den Kreisvorsitzenden.

Wenn sie sich nicht einigen, droht eine Zerreißprobe. Verliert Lucke in Bremen, könnte er sich aus der Führung zurückziehen. Ein Dilemma. „Ohne Lucke geht es nicht“, räumte Adam in einem Interview ein, „aber so, wie er agiert, geht es eben auch nicht.“ Die Union beobachtet die Schlammschlacht auffällig still. Sie hat stets gehofft, die AfD würde sich selbst zerlegten. Es ist so weit. Die Christdemokraten wollen nicht stören.