Ärztefehler - 155 Patienten starben nach falscher Behandlung

Tupfer, Kompressen oder Klemmen vergaßen Operateure im Körper ihrer Patienten. Für 1300 Patienten hatten Behandlungsfehler bleibende Schäden zur Folge, 155 Menschen starben.
Tupfer, Kompressen oder Klemmen vergaßen Operateure im Körper ihrer Patienten. Für 1300 Patienten hatten Behandlungsfehler bleibende Schäden zur Folge, 155 Menschen starben.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
OP-Besteck im Bauch vergessen, falsche Medikamente: Tausende Patienten klagen über Ärztefehler. 155 Menschen starben infolge falscher Behandlung.

Berlin.. Druckgeschwüre, vergessenes OP-Besteck im Bauchraum, falsch operierte Hüften und Knie, schief gelaufene Zahnbehandlungen – die Klagen der Patienten über Ärztefehler steigen weiter an. Dies zeigt die jüngste Statistik des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). In 155 Fällen starben Patienten nachweislich an den Folgen eines Behandlungsfehlers, knapp 1300 Patienten trugen bleibende Schäden davon.

Insgesamt wandten sich im letzten Jahr mehr als 14.600 Patienten oder deren Angehörige mit Verdachtsfällen an ihre Krankenkassen. In jedem vierten Fall bestätigten die Gutachter die Vorwürfe. Die meisten Patienten beklagten Fehler nach Operationen oder Zahnbehandlungen. „Die Zahlen sprechen dafür, dass von einer Entwarnung keine Rede sein kann“, so der leitende Arzt des MDK, Stefan Gronemeyer.

Auch bei den Ärztekammern melden sich jedes Jahr Tausende mit Verdacht auf Behandlungsfehler. Insgesamt gehen Experten von mehr als 6000 bestätigten Fällen pro Jahr aus. Die Dunkelziffer liege jedoch noch weit höher. Die bekannten Fälle seien „die Spitze eines Eisbergs“. Nach Auffassung der Kassen ließen sich viele Ärztefehler mit einer besseren Sicherheitskultur vermeiden.

Das falsche Knie operiert

Der Patient mit dem Schlüsselbeinbruch wollte schon aufatmen: Die Ärzte hatten die Bruchstelle mit einer Metallplatte fixiert, alles sah gut aus. Doch der Bruch blieb instabil, die Schulter war nicht zu gebrauchen, die Ärzte hatten eine zu kurze Platte eingesetzt. Also alles noch einmal: Aufschneiden, neue Platte einsetzen, Wunde heilen lassen. „Auch bei größter Sorgfalt passieren Fehler“, sagt Stefan Gronemeyer, leitender Arzt des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Doch viele Ärztefehler ließen sich mit einer besseren Sicherheitskultur vermeiden.

Etwa bei dem Patienten, der über Atembeschwerden klagte, nachdem ihm sein Arzt eine Spritze an der Wirbelsäule so grob gesetzt hatte, dass die Lunge verletzt wurde. Oder bei der Patientin, bei der Brustkrebs zu spät erkannt wurde: Der Gynäkologe hatte zwar einen verdächtigen Knoten in der Brust ertastet, die Frau aber nicht rechtzeitig zur Mammografie geschickt – für eine Heilung war es da schon zu spät.

Behandlungsfehler Besonders ärgerlich sind in den Augen des MDK Fehler, die schwere Folgen haben, aber leicht vermeidbar wären. OP-Teams vergessen OP-Besteck im Körper, Risikopatienten werden nicht erkannt, Verwechslungen nicht bemerkt: Herr Müller wird anstelle von Herrn Meier operiert, zwei ähnlich klingende Medikamente werden vertauscht, statt des linken Knies wird das rechte Knie aufgeschnitten. Mehr als 200 solcher Fälle deckte der MDK im letzten Jahr auf. Allein bei 34 Patienten vergaßen die Operateure Tupfer, Kompressen oder Klemmen im Körper ihrer Patienten – oder sogar abgerissene Teile von Drainageschläuchen und Kathetern. Bei immerhin 38 Patienten wurde das falsche Körperteil behandelt oder die falsche Operation durchgeführt.

Nur die Spitze des Eisbergs

Im Vergleich zu den knapp 19 Millionen Klinikbehandlungen und den millionenfachen ambulanten Eingriffen, die jedes Jahr in Deutschland durchgeführt werden, erscheint die Zahl der gemeldeten Ärztefehler klein. Auch dann, wenn man die Fälle hinzu rechnet, die nicht bei den Kassen, sondern bei den Ärztekammern gemeldet und bestätigt wurden – zuletzt rund 2200. Doch die Dunkelziffer ist hoch: „Der weitaus überwiegende Teil der Fehler, die passieren, wird nirgendwo registriert“, so MDK-Arzt Stefan Gronemeyer. Die bekannten Fälle seien nur die Spitze eines Eisbergs.

Um häufige Fehlerquellen wirksamer angehen zu können, fordern die Kassen ein bundesweites Fehlerregister und verbindlichere Regeln für Sicherheitsstandards in der Behandlung. „Wir haben kein Erkenntnisdefizit“, so Gronemeyer, „sondern ein Umsetzungsproblem.“ Maßnahmen wie OP-Checklisten oder Notfall- und Team-Trainings würden nicht systematisch eingesetzt. Die von der Koalition geplante Krankenhausreform, durch die Kliniken stärker nach Qualität bezahlt werden sollen, müsse auch solche Sicherheitsstandards regeln. Viele Behandlungsfehler passierten allerdings schlicht aus fehlendem Fachwissen, Überforderung und Übermüdung.