Ältere sollen Lücken schließen

Berlin..  Der Ruf nach einem späteren Eintritt in die Rente kommt nicht von ungefähr: In 139 Berufen fehlen schon heute die Fachkräfte. Die Wirtschaft befürchtet, dass sich die Engpässe noch verschärfen werden, sobald die geburtenstarke Generation der Babyboomer sich in den Ruhestand verabschiedet. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema:

Wie groß ist der Fachkräftemangel tatsächlich?

Nach einer neuen Studie gehen in den nächsten 15 Jahren 2,1 Millionen Fachkräfte in Rente. Stark betroffen ist die Logistikbranche. Von den 529 000 Berufskraftfahrern sind 230 000 (43 Prozent) mindestens 50 Jahre alt. Spürbar sind die Engpässe auch bei Bau- und Gebäudetechnik und in Gesundheitsberufen. So muss für 175 000 Krankenschwestern und Pfleger Ersatz gefunden werden. Das sind 30 Prozent der Beschäftigten. Im Metallbau sind 75 000 Fachkräfte mindestens 50 Jahre alt, in der Metallverarbeitung weitere 52 000.

Woher stammen die Daten?

Die Daten wurden im September erhoben. Erstellt wurde die Studie vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Auftraggeber ist das Kompetenzzentrum Fachkräfte, das vom Wirtschaftsministerium gefördert wird.

Können Ältere den Bedarf decken?

Allein mit einem längeren Arbeitsleben dürfte die Fachkräftelücke nicht zu schließen sein. Zumal 70-Jährige eher nicht auf Baugerüste klettern sollten. Deshalb sagt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), man müsse auch die Arbeitsmarktchancen für Frauen, An- und Ungelernte sowie Menschen mit Behinderung weiter verbessern. Dazu müssen laut Experten auch Nachwuchsförderung und Zuwanderung kommen. Überhaupt spielt die generelle Alterung der Gesellschaft eine Rolle. So beziehen Ruheständler inzwischen durchschnittlich gut 19 Jahre Rente – ungefähr doppelt so lange wie vor 50 Jahren.

Wo gibt es noch Ressourcen?

Ein großes Reservoir sind die 4,1 Millionen an- und ungelernten Beschäftigten in Helferberufen, die sich weiter qualifizieren könnten. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hatte sich zuletzt für ein begrenztes Bleiberecht für junge, ausbildungswillige Flüchtlinge stark gemacht. Viele aus Syrien und dem Irak geflohene Menschen brächten ein großes praktisches Geschick mit. Derzeit sucht die Industrie verstärkt im Ausland Arbeitskräfte, unter anderem mit Stellenanzeigen im Internetportal „Make-it-in-Germany“.

Was sagt die Statistik?

In Deutschland gibt es 23,9 Millionen Fachkräfte, etwa 6,7 Millionen in Engpassberufen. Davon spricht man, wenn die gemeldeten Arbeitslosen schon rein rechnerisch die offenen Stellen nicht besetzen können. Bei der Kältetechnik kommen auf 100 offene Stellen 27 Arbeitslose, bei der Hörgeräteakustik sind es 32, bei der Altenpflege 38.

Wie viele Ältere sind berufstätig?

Der Anteil älterer Arbeitnehmer ist schon stark gestiegen. So waren im Jahr 2000 von den 60- bis 64-Jährigen nur 20 Prozent erwerbstätig, aber 62 Prozent Rentner. Im vergangenen Jahr waren bereits 50 Prozent erwerbstätig und nur 37 Prozent Rentner. Im Sommer vergangenen Jahres registrierten die Arbeitsagenturen 173 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ab 65 Jahre, nachdem es sieben Jahre zuvor nur 96 000 waren. Darunter sind jetzt auch 43 000 Senioren im Alter von 70 bis 74 Jahren, von denen es zuvor 25 000 gab. Dazu kommen inzwischen 276 000 über 70-Jährige, die eine geringfügige Beschäftigung haben.

Können Ältere einfach länger arbeiten?

Im jüngsten Rentenpaket hat die Bundesregierung gerade erst einen abschlagsfreien früheren Ausstieg mit 63 Jahren ermöglicht, wenn 45 Beitragsjahre erreicht sind. Teil des Pakets ist auch, dass Arbeitnehmer mit der Firma vereinbaren können, eine feste Zeit über das Renten-Eintrittsalter hinaus weiterzumachen. Hintergrund dieser Regelung ist laut Arbeitsministerium, dass Beschäftigte grundsätzlich im Rentenalter berufstätig sein dürfen. Tarifverträge legen aber oft fest, dass Arbeitsverhältnisse mit einer Altersgrenze enden – die kann nun hinausgeschoben werden.mit