Achtung Rosenverkäuferinnen!

Hagen..  Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über die neuen Methoden der Trickbetrüger berichtet wird. Und die Leiden der Opfer? Ausgeblendet! Oft, weil sie sich schämen. Nicht so Johanna Gerken aus Hagen. Der 84-Jährigen war im vergangenen Jahr ihre goldene Halskette, ein Geschenk ihres vor 17 Jahren gestorbenen Mannes, auf dem Weg von ihrem Haus zum Papiercontainer gestohlen worden. Damals wie heute will sie Öffentlichkeit herstellen. „Damit andere verschont bleiben.“

Johanna Gerken spricht leise. „Es hat lange gedauert, bis ich mit dem Verlust umgehen konnte.“ Mittlerweile habe sie „diesen schrecklichen Tag“ verdrängt, berichtet sie dieser Zeitung. „Ich habe gelitten, ich traue niemandem mehr“, verrät sie. Vor allem der Vertrauensverlust und die Unsicherheit Fremden gegenüber sei „schlimm“. Sie sagt es mit fester Stimme und fügt laut hinzu: „Die ist weg und fertig.“

Die, das ist nicht irgendeine Halskette gewesen, nein, es war ein Geschenk ihres Mannes zur Silberhochzeit. „Von ihrem Theodor“, wie sie sagt. Manchmal, erzählt die Hagenerin, blicke sie noch in die Schublade, in der sie einst die Kette mit dem hellblauen Stein verwahrt hatte. 30 Jahre lang habe sie sie um ihren Hals getragen. Nun trage sie überhaupt keinen Schmuck mehr.

Vor Augen hat Johanna Gerken immer noch diesen einen Moment. Diesen Augenblick, als eine bildhübsche junge Frau sie nach dem Weg ins Krankenhaus fragte. Zum Dank umarmte die Frau die Seniorin.

Barbara Eßing-Sieler brechen Schicksale wie das von Johanna Gerken fast das Herz. „Die meist älteren Opfer von Trickbetrügern kämpfen vor allem mit Vertrauensverlust“, weiß die Kommissarin der Kreispolizeibehörde Olpe zu berichten. Nicht wenige der Opfer müssten sich in psychiatrische Behandlung begeben.

Die Maschen der Trickbetrüger, ergänzt Barbara Eßing-Sieler, seien vielfältig: In Südwestfalen müsse man sich zurzeit vor allem vor den sogenannten „Rosenverkäuferinnen“ in Acht nehmen. So werden von den Beamten der Kreispolizeibehörden in der Region vor allem junge Frauen bezeichnet, die meist ältere Männer ansprechen und um eine Unterschrift oder Spende für eine gute Sache bitten. „Die Senioren freuen sich, von so schönen Frauen angeredet zu werden“, so Barbara Eßing-Sieler. Gestenreich werde die Stelle gezeigt, wo die Unterschrift stehen solle. Bevor die Tinte trocknen würde, sei die Geldbörse verschwunden.

Trickbetrug sei, ergänzt Eßing-Sieler, bevor sie zu einem Vortrag in einem Mehrgenerationenhaus in Olpe eilt, aktueller den je. Ihr Thema: Wie schütze ich mich vor Trickbetrügern.

Rüdiger Koch von der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein freut sich, dass die Erfolgsquote der Enkeltrickbetrüger in Südwestfalen so gering ist. Das liege auch an der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Geldinstituten. Wenn Senioren nach einem Schockanruf, einer Variante des Enkeltricks, viel Geld für einen vermeintlich verletzten Verwandten abholen wollen, seien die Berater bei außergewöhnlichem Verhalten angehalten, die Kunden anzusprechen und gegebenenfalls die Polizei zu informieren. „Natürlich handelt es sich dabei um eine dezente Nachfrage“, ergänzt Koch. Im Grunde gehe es ein Kreditinstitut ja nichts an, wofür ein Kunde sein Geld verwenden wolle.

Kleine Vorwarnzeit

Koch weiß um die Kreativität der Trickbetrüger. Die Polizeibehörden im ländlichen Raum hätten aber einen Vorteil: Da die Ganoven, die meist organisiert durchs Land ziehen, ihre Masche erst in den Großstädten testen, gebe es eine „kleine Vorwarnzeit“.

In Südwestfalen, so berichten die Experten für Betrugsfälle der Kreispolizeibehörden, würden die modernen Wegelagerer wie Wellen kommen und gehen. Stellvertretend steht dafür die Statistik der Kreispolizeibehörde Hochsauerlandkreis: 2012 wurden - wie es im Fachchinesisch korrekt heißt - in acht Fällen Straftaten zum Nachteil älterer Menschen angezeigt. 2013 waren es 32. Im darauf folgenden Jahr sank die Zahl wieder auf 25 Fälle.