Acht Minuten bleibt das Cockpit stumm

Düsseldorf/Barcelona.. Experten rätseln über die Ursachen des Absturzes. Die Maschine fällt offenbar ohne einen Notruf aus dem Cockpit innerhalb von acht Minuten um 9000 Meter. Versuch einer Annäherung an die Katastrophe.

Der Flug

Der Airbus A320 startet am Dienstagmorgen um 6.48 Uhr vom Heimatflughafen Düsseldorf. Landung in Barcelona um 8.27 Uhr. Rückflug 4U9525 um 10.01 Uhr. An Bord 144 Passagiere, darunter zwei Babys, sowie vier Crewmitglieder und zwei Piloten. Um 10.45 Uhr erreicht die Maschine die reguläre Reiseflughöhe von 38 000 Fuß, etwa 11 582 Meter. Nach nur einer Minute wird der Sinkflug eingeleitet. Er dauert acht Minuten. Der Grund ist unbekannt. Das Cockpit bleibt stumm.

Der Absturz

Der Kontakt des Flugzeugs zum französischen Radar bricht um 10.53 Uhr in 2072 Metern Höhe ab. Die notwendige Erlaubnis für diesen Sinkflug hat sich die Besatzung bei der Flugsicherung nicht eingeholt. Bei gleichbleibender Geschwindigkeit von etwa 740 km/h verliert das Flugzeug deutlich an Höhe. Es befindet sich aber nicht im Sturzflug. Das Flugzeug zerschellt in kleinste Teile in den französischen Alpen am verschneiten Bergmassiv Trois Évêchés in der Nähe der Gemeinde Barcelonnette. Mit Fahrzeugen ist das unwegsame Gebiet nicht zu erreichen. Die Absturzstelle liegt auf 1500 Metern Höhe. Die Bergung der Opfer wird Tage dauern.

Das Cockpit

Der Kapitän der Unglücksmaschine war seit mehr als zehn Jahren für Germanwings tätig. Nach Informationen dieser Zeitung war er Mitte 30. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Nach Angaben der Fluggesellschaft hatte der Pilot 6000 Flugstunden Erfahrung auf dem A320. Darüber, was sich gestern um 10.45 Uhr im Cockpit zugetragen hat, lässt sich nur spekulieren.

Der Flugschreiber

Die größten Rätsel gibt der Umstand auf, dass die Piloten die Reiseflughöhe verließen, ohne die Flugsicherung zu informieren. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass ein plötzlicher Sauerstoffabfall die Ursache für den steilen Sinkflug war. In solchen Fällen werden Passagiere und Cockpit-Besatzung über Masken mit Sauerstoff versorgt. Sollte diese Versorgung im Cockpit nicht funktioniert haben, wäre das eine Erklärung für die ausbleibende Kommunikation. Aufschluss sollen jetzt die Daten der Flugschreiber bringen. Einer wurde bereits geborgen, der zweite ist geortet.

Die Kollegen

Die Vereinigung Cockpit will keine vorschnellen Aussagen zur möglichen Unglücksursache machen. Noch lägen keine gesicherten Informationen vor. „Wir appellieren an die Öffentlichkeit, sich mit Spekulationen zurückzuhalten“, sagt Jörg Handwerg, Pressesprecher der Vereinigung Cockpit, „da diese besonders schmerzhaft für die Hinterbliebenen und einer objektiven Unfalluntersuchung nicht dienlich sind.“ Das tief empfundene Mitgefühl der Piloten gehöre den Angehörigen, Freunden und Bekannten der Passagiere sowie der Besatzung. Streiks im andauernden Tarifkonflikt, Stichwort Übergangsversorgung der Piloten, soll es angesichts dieser Katastrophe vorerst nicht geben.

Die Probleme

Wie Passagiere nach „Spiegel online“ berichten, haben sich offenbar Piloten am Dienstag geweigert, ihre Flüge mit Maschinen des Unglückstyps anzutreten. So seien am Mittag mehrere Flugzeuge am Boden geblieben. Flüge von Lufthansa und Germanwings sollen annulliert worden sein, obwohl die Maschinen einsteigebereit am Gate gestanden hätten. Den wartenden Passagieren soll gesagt worden sein, „dass sich die Crews zurückgezogen hätten, um über ihre ‘Flugtauglichkeit’ zu beraten“. Hintergrund für die Weigerung der Piloten soll möglicherweise die Tatsache gewesen sein, dass die Unglücksmaschine am Montag den ganzen Tag wegen technischer Probleme am Boden geblieben sei.

Weltweit sind gegenwärtig 3700 Maschinen im Einsatz. Rein rechnerisch haben der A320, seine kürzeren Schwestermodelle A318, A319 und die längere Version A321 seither rund acht Milliarden Menschen, einmal die gesamte Weltbevölkerung, befördert.

Die Zwischenfälle

Bei allen Erfolgszahlen, es gibt auch Unglücke mit dem A320. Die jüngsten Katastrophen: Am 28. Dezember 2014 verschwindet ein A320 der Air Asia auf dem Weg nach Singapur. Alle 162 Insassen sterben. Beim Landeanflug auf Islamabad in Pakistan prallt am 28. Juli 2010 ein A321 gegen einen Hügel. 152 Passagiere sterben. Glück im Unglück haben Fluggäste am 27. November 2009: Ein A320 der US Airways muss kurz nach dem Start in New York wegen Vogelschlags notwassern – alle überleben.