Dortmund

„Aber ohne sie wären wir schon tot“

Dortmund.  . Schleuser verdienen Millionen mit der Not der Flüchtlinge. Doch ohne sie, sagt die syrische Flüchtlingsfamilie Refai, hätten sie nie Deutschland erreicht und wären nie dazu gekommen, einen Asylantrag zu stellen. Während alle Welt von der Schleuser-Mafia spricht, die Flüchtlinge unter lebensgefährlichen Umständen übers Mittelmeer nach Europa bringt, beschreiben die Refais die Rolle der Schlepperbanden so: „Sie waren die einzigen, die uns geholfen haben. Natürlich für viel Geld. Aber ohne sie wären wir schon tot.“

Für Vater Ammar (44), Mutter Huda (37) sowie die Kinder Alia (13), Lela (10), Ahmad (8) und Jusef Refai (3), die heute in Dortmund leben, sind nicht die Schleuser das eigentliche Problem. Vielmehr kritisieren sie den Westen, der „einem Diktator beim Töten seines eigenes Volkes zusieht. Wer interessiert sich heute noch für Assad? Wen interessieren Menschen, die auf der Flucht ertrinken?“ Warum sich Menschen Schleppern anvertrauen? „Weil du keine Wahl mehr hast“, sagt Ammar Refai. Etwas besseres als den Tod – genau das haben sie gesucht.

Die Refais lebten bis 2011 in der syrischen Großstadt Homs. Dort hatten es Huda, die Apothekerin, und Ammar, der mit Medizintechnik handelt, zu einigem Wohlstand gebracht. Dann brach der Bürgerkrieg aus. Ammar landete im Gefängnis. Sohn Ahmed wurde von einer Granate schwer verletzt, die große Wohnung zerstört: „Das Leben war die Hölle. Wir mussten Syrien verlassen, um zu überleben.“

Wie die Refais denken viele. Über Facebook spricht sich herum, wo man Hilfe findet. Handynummern von Schleppern werden gehütet wie ein Schatz. Namen sind Schall und Rauch. Die Refais flüchteten zunächst mit dem Auto nach Jordanien, dann weiter nach Ägypten. Alles, was sie besaßen, passte in eine Reisetasche. Das Ersparte – 40 000 US-Dollar – brauchten sie, um die Flucht zu bezahlen. In Alexandria in Ägypten lebte die sechsköpfige Familie auf Abruf. In einem leeren Appartement hielt sie sich bereit für die Flucht übers Meer. Nach Wochen des Wartens erhielten sie die Nachricht: Im Hafen wartet ein Boot.

Es war ein rostiges Transportschiff ohne Dach. 420 Flüchtlinge wurden auf dem Boden kauernd zusammengepfercht. Die Kinder mussten Windeln anlegen, Toiletten gab es nicht. Strickjacken waren der einzige Schutz vor Wind und Wetter auf hoher See. Männer und Frauen wurden getrennt, dann begann die Reise. Die Todesangst, im Mittelmeer zu ertrinken, reiste mit. Fünf Tage und Nächte war das Schiff unterwegs. Meistens war es gespenstisch still, bis auf das Wimmern der Kinder. „Es gab keinen anderen Ausweg“, so Huda Refai.

Doch sie kamen nicht in Italien, sondern auf Kreta in einem Flüchtlingscamp an. Die teuer bezahlte Absprache war also nichts mehr wert. Vater Ammar besorgte für viel Geld falsche Pässe und Flugtickets nach Mailand für die Familie. Von dort nahmen sie den Zug nach Düsseldorf. Am 1. August 2014, nach zwei Jahren auf der Flucht, trafen sie in Dortmund ein und beantragten Asyl.

Hätten sie ein Visum erhalten, hätten sie gerne auf den Schlepper verzichtet.