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75 Jahre und kein bisschen amtsmüde

24.01.2015 | 00:11 Uhr

Berlin. Diesen Geburtstag feiert der Präsident lieber ganz privat: Wenn Joachim Gauck heute 75 Jahre alt wird, sind nur Freunde und Weggefährten eingeladen – es gibt keine große Feier mit offiziellen Reden wie noch zum 70. Geburtstag, als die Kanzlerin den Jubilar in einer ungewöhnlich herzlichen Rede als „Demokratielehrer“ würdigte. Da klang alles schon nach Abschied und Rückblick, sogar seine Memoiren hatte Gauck schon vorgelegt.

Niemand ahnte, dass ihm die Krönung seines Lebens noch bevor stehen sollte. Mit 72 wurde er zum Bundespräsidenten gewählt – mit 75 ist er zwar das älteste Staatsoberhaupt seit Theodor Heuss, aber er blickt voller Tatkraft voraus. Nicht zufällig stellten Gaucks Mitarbeiter nur einen Tag vor dem Geburtstag sein ambitioniertes Projekt für 2015 vor. Der Präsident will das Gedenken zum Weltkriegs-Ende vor 70 Jahren in vielfältiger Weise zur Erinnerung nutzen und zugleich die Deutschen auch zu Konsequenzen für die Zukunft auffordern.

80 Prozent sind zufrieden

Beides sind Herzensthemen für ihn: Für die Verbrechen des Nazi-Regimes hat Gauck auf mehreren Auslands-Reisen um Verzeihung gebeten – und seine Mahnung, dass das geläuterte Deutschland mehr Verantwortung übernehmen solle für Frieden und Freiheit in der Welt, durchzieht viele seiner Reden.

Die Deutschen sind zufrieden mit diesem Präsidenten, 80 Prozent finden seine Arbeit gut. Dabei ist er durchaus auch unbequem, manchmal provokant. Gauck ist einer der politischsten Präsidenten der bundesdeutschen Geschichte und wohl auch einer der wichtigsten: Er hat dem höchsten Staatsamt der Republik die Würde zurückgegeben, die mit den unglücklichen Rücktritten von Horst Köhler und Christian Wulff verloren gegangen war. Es ist sein Verdienst, dass niemand mehr fragt, wozu das Land eigentlich einen Präsidenten braucht. Und auf dem internationalen Parkett ist Gauck mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt ein souveräner Repräsentant des Landes.

Treffen mit KZ-Überlebenden

Der Schloss-Herr selbst sagt, er fühle sich sicher im Amt, ohne sich selbst fremd geworden zu sein. Gauck hat offenkundig viel Freude an seinen Aufgaben, an den Reden ebenso wie an den Begegnungen mit Menschen. „Seine große Stärke ist die Zuwendung, die er anderen Menschen entgegenbringt“, sagt sein Biograf Mario Frank. So wird Gauck auch in diesem Weltkriegs-Gedenkjahr mehrmals mit KZ-Überlebenden zusammenkommen oder sich mit ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen treffen.

Der frühere Pfarrer kann große Gefühle wecken, Menschen berühren. Dass er schnell Zugang findet, liegt auch an seiner ungewöhnlich reichen Lebenserfahrung, die ihm Glaubwürdigkeit und Autorität verleiht: Aufgewachsen in Distanz zum DDR-Regime, als Pfarrer im Herbst 1989 ein wichtiger Akteur der Proteste in Rostock, Volkskammer-Abgeordneter, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Als Aufklärer, Versöhner und Mahner hatte er sich in der Bundesrepublik schon einen Namen gemacht. Doch als Gauck es schließlich im zweiten Anlauf und gegen den anfänglichen Widerstand der Kanzlerin ins Schloss Bellevue schafft, da kämpft der neue Präsident mit ähnlichen Schwierigkeiten wie seine Vorgänger: Seine Reden verhallen anfangs ohne Echo, vergeblich sucht er ein großes Thema. Stattdessen tritt er mehrmals unbekümmert in Fettnäpfchen. „Der Gauck zu Beginn seiner Präsidentschaft musste sich erst mal vorsichtig an das Amt herantasten“, räumt er selbst ein. Der Auftritt vor der Münchner Sicherheitskonferenz vor einem Jahr wirkt im Rückblick wie ein Wendepunkt. Gaucks Plädoyer für eine verantwortungsvolle Rolle Deutschlands, notfalls auch mit militärischen Mitteln, ist die bislang politischste und meist diskutierte Rede. Sie markiert seine Methode, eigene Akzente zu setzen, ohne Nebenpolitik zu betreiben.

Dabei liebt Gauck die Provokation. Ihn treibt die Sorge, dass die Deutschen es sich zu bequem einrichten. „Wir sind keine Insel, in der Welt ist eine Haltung der Verantwortung wichtig.“

Christian Kerl

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2015-01-24 00:11
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