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Volksaufstand

17. Juni 1953 - der Tag der wütenden Arbeiter in der DDR

16.06.2013 | 15:43 Uhr
17. Juni 1953 - der Tag der wütenden Arbeiter in der DDR
Demonstranten werfen am 17. Juni 1953 in Berlin mit Steinen nach russischen Panzern. Am Ende gab es zig Tote.Foto: dpa

Duisburg.   Der Aufstand in der DDR hatte viele Gründe. Doch erst die Erhöhung der Arbeitsnormen machte die Menschen so zornig, dass sie auf die Straße gingen. Ein Duisburger, der damals in einem Berliner Stahlwerk arbeitete, erinnert sich an die historischen Tage. „Es war das Kernkapitel meines Lebens“, sagt der 78-Jährige Wolfgang Balke heute.

Es ist ja nun schon 60 Jahre her, aber Wolfgang Balke weiß noch, wie das damals war im VEB Stahl- und Walzwerk Wilhelm Florin in Hennigsdorf bei Berlin. Da kam das Walzgut 1000 Grad heiß aus dem Ofen heraus, wurde mit langen Zangen gepackt und mit Muskelkraft in die Vorwalzen gewuchtet.

„Diese Arbeit war so schwer, das können Sie sich gar nicht vorstellen“, sagt Balke. „Alle 20 Minuten mussten wir abgelöst werden. Ich war, 18 Jahre alt, sportlich, aber einmal bin ich einfach entkräftet zusammengebrochen.“

Wenn man so einem damals sagte, er müsse jetzt fürs gleiche Geld zehn Prozent mehr arbeiten, wie sollte das bitte gehen?

Viele Gründe für den Aufstand

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR hatte viele Gründe: leere Regale, volle Gefängnisse, Enttäuschung über die Diktatur und über die Teilung des Landes. Doch erst die Erhöhung der Arbeitsnormen durch die DDR-Führung im Mai machte die Menschen so wütend, dass sie auf die Straße gingen.

Am 16. Juni legten Berliner Bauarbeiter den Hammer weg, am 17. gab es im ganzen Land Streiks, Ämter wurden besetzt, Polizisten verprügelt. Die DDR-Führung ging nach Karlshorst, wo die Sowjets ihr Hauptquartier hatten. Erst der Roten Armee gelang es mit Kalaschnikows und Panzern, den Aufstand zu brechen. Ab dem 18. Juni kam es nur noch vereinzelt zu Streiks. Zu diesem Zeitpunkt waren wohl schon über 30 Tote zu beklagen – von insgesamt 50 bis 70, genauer weiß man es einfach nicht.

Wolfgang Balke schlief

Wolfgang Balke bekam vom Beginn des Arbeiteraufstandes gar nichts mit, und das gerade deshalb, weil er Arbeiter war. In jener Woche hatte er Nachtschicht. Und so schleppte er sich am Morgen des 17. Juni vom Werk in seine Wohnung und legte sich schlafen. „Ich war müde wie ein Hund“, sagt er. Er schlief, als die Frühschicht streikte. Er schlief, als Otto Grotewohl im Rundfunk die Rücknahme der Normerhöhung verkündete.

Ost-Berliner marschieren am 17. Juni 1953 mit wehenden Fahnen vom Ost-Sektor aus durch das Brandenburger Tor. (Foto: dpa)

Und er schlief auch, und das wäre ihm fast zum Verhängnis geworden, als die Sowjets den Ausnahmezustand und eine nächtliche Ausgangssperre verhängten. So ging er abends wieder aus dem Haus und schlug den Weg zum Werk ein, denn er hatte ja immer noch Nachtschicht. Doch er war keine 100 Meter gegangen, da hielt ihn ein Volkspolizist auf: „Mensch, hau bloß ab! Hast du ein Glück, dass ich kein Sowjet bin, dann hätte ich sofort geschossen!“

Der Streik wurde zum Aufstand

Streik. Was war das noch? Die Jüngeren hatten gelernt: „Kampfmethode der Arbeiterklasse gegen die Monopolkapitalisten im Zeitalter des Imperialismus“. Doch in der DDR waren Streiks widersinnig, weil die Betriebe ja in Arbeiterhand waren. Als Wolfgang Balke von einem Kollegen erfuhr, dass gestreikt wird, da sagte er nur: „Das kann ja gar nicht sein.“

Doch der Streik wurde sogar zum Aufstand. Aus Hennigsdorf zogen sie ins Berliner Zentrum und beteiligten sich an Straßenschlachten – Balke sah einen Mann blutüberströmt von dort zurückkommen. Es gab auch im Ort Gewalt – Balke hörte, dass sie jenen verhassten Volkspolizisten totgeprügelt hatten, der am S-Bahnhof immer die aus Westberlin eingeschmuggelte Margarine konfiszierte.

Aufstand ohne Anführer

Am 18. zwang die Rote Armee die Arbeiter wieder an die Walzstraße – doch sie produzierten nur Schrott und verschlissen die Anlage. Vor dem Tor versammelten sich Arbeiter und Restbevölkerung und diskutierten aufgeregt. Über die Norm, die Versorgungslage, die SED, die Einheit Deutschlands. „Wir wollten alle irgendwas unternehmen“, sagt Balke heute, „aber keiner wusste, was.“

Demonstranten vor dem Bundesfinanzministerium in Berlin während der offiziellen Umbenennung des Platzes in "Platz des Volksaufstandes von 1953". Vor dem Haus der früheren DDR-Ministerien wurde damals der Aufstand tausender Demonstranten blutig niedergeschlagen.

Am Abend genügte die Drohung, das Werk zu schließen – da gingen sie wieder an die Arbeit, denn sie fürchteten um ihre Existenz. Jetzt rächte sich, dass die Aufständischen keine Strukturen hatten, keine richtigen Anführer. Eigentlich hatten sie nur das West-Radio, vor allem den Berliner Rias, der berichtete und – willentlich oder nicht – die Protestbewegung lenkte. Doch auch der Rias konnte bei der Niederschlagung des Aufstandes nur zusehen.

Am 19. Juni war alles vorbei

Haben Sie damals vom Westen mehr erwartet? Wolfgang Balke überlegt. Dann sagt er: „Die Leute waren nicht dumm. Jeder wusste: Wenn die Amis eingreifen, dann gibt es eine globale Katastrophe.“

Ab dem 19. Juni ging die DDR wieder ihren sozialistischen Gang. Der Strom nach Westen nahm zu, das Spitzelheer der Stasi auch. Wolfgang Balke machte eine überraschende Karriere über den Betriebssport zum Sportlehrer, doch im Schuldienst wuchs der Druck auf ihn, sich im System zu engagieren. Nichts für ihn. 1957 floh er mit der S-Bahn nach Westberlin und weiter nach Duisburg. Wo er heute, 78, seine Erinnerungen schreibt. Und über den Tag im Juni, dessen Tragweite er damals so schwer begreifen konnte, sagt: „Es ist das Kernkapitel meines Lebens.“

Achim Beer



Kommentare
17.06.2013
19:38
17. Juni 1953 - der Tag der wütenden Arbeiter in der DDR
von darabu | #5

Der 17 Juni ist aktueller denn je. Spanien, Portugal, Griechenland, Zypern, Irland , überall herrschen gewählte Politiker im Dienste der Finanzdiktatur und lassen die Millionen demonstrierender Menschen ins Leere laufen oder niederknüppeln . Im postdemokratischen Zeitalter wird mit den gleichen Methoden gearbeitet wie damals, siehe auch die aktuellen Spitzelgeschichten aus Obama-Land, nur sind die Methoden noch ausgefeilter und für den Einzelnen nicht überschaubar. Hat mit DEmokratie schon längst nichts mehr zu tun. Die einzige Möglichkeit ist und bleibt wie damals, die Ausserparlamentarische Opposition

17.06.2013
16:49
17. Juni 1953 - der Tag der wütenden Arbeiter in der DDR
von ueberruhr1 | #4

NEUE GEWALT IN ISTANBUL?
Regierung droht Demonstranten mit Armee
Angriffe auf Notärzte +++ Kanzlerin Merkel schockiert +++ Gewerkschaften erhöhen Druck auf Erdogan

Das sind lt. Merkel Radikale, die nur stören.

1 Antwort
17. Juni 1953 - der Tag der wütenden Arbeiter in der DDR
von MisterB | #4-1

Siehe #1, da wird ja ganz gut beschrieben, dass in Frankfurt, und Stuttgart 21, Ähnliches wie in Istanbul auch hier passiert ist. Der einzige Unterschied: Die Berichterstattung in den Medien.

17.06.2013
16:23
17. Juni 1953 - der Tag der wütenden Arbeiter in der DDR und das Schweigen der Intellektuellen über die Mühsal der arbeitenden Menschen
von kuba4711 | #3

damals in der Ex - DDR ist sehr lehrreich.
Und dies in mehrfacher Hinsicht.
Zum Einen zeigt es ,dass sich die gesellschaftlichen Kreise einer heutigen Madame Kanzler Merkel schon zu der Zeit begonnen haben sich im angeblichen Staat der Bauern und Arbeiter auf deutschem Boden häuslich einzurichten.
Die Familie von Frau Merkel ist ja aus entsprechender Gesinnung heraus sogar von Hamburg in die Ex - DDR über gesiedelt.
Dass dort streikende Arbeiter mit Hilfe russischer Panzer diszipliniert wurden ,dies scheint dabei keine Rolle gespielt zu haben.
Was lernen wir daraus für unsere Tage?
Auch heute haben sich viele deutsche Intellektuelle -ob weltanschaulich mehr rechts oder links - im Staat des alles bestimmenden Neoliberalismus - sehr häuslich eingerichtet.
Diese sprechen in unseren Tagen sogar noch von Demokratie ,obwohl sich das Primat der Politik quasi selbst auflösen hat lassen.
Abgelöst durch das Primat der Interessenslage der sog. Finanzwirtschaft.

17.06.2013
16:05
17. Juni 1953 - der letzte große Generalstreik auf deutschem Boden
von kuba4711 | #2

Die damaligen Funktionäre des FDGB haben diesen Streik mit unterstützt und organisiert.
Als der Streik der deutschen Arbeiter in der Ex - DDR mit Hilfe der russischen Panzer zusammengewalzt war ,ab dann gab es keinen Generalstreik mehr auf deutschem Boden .
Bis in unsere Tage .
Egal ,ob in Ost oder West.
Entzündet hat sich dieser Generalstreik an der Norm - Erhöhung durch die SED - Bonzen - Regierung.
An sich nichts Neues im deutschen Kultur - und Geschichtskreis.
Viele flächendeckende Arbeitsniederlegungen entzündeten sich - ganz profan - an wirtschaftlichen Forderungen der arbeitenden Menschen.
Erinnert sei an den großen Bergarbeiterstreik in den 90 igern des 19. Jahrhunderts im Wilhelminischen Kaiserreich.
Übrigens zum ersten Mal ,dass viele katholische - abstammend aus Polen - Bergleute gestreikt haben.
Man spricht von 150000 streikenden Bergleuten ,so um 1890.
Ab dann wurden die Sozialisten - Gesetze nicht mehr verlängert
Auch heute wäre ein Generalstreik wieder nötig

17.06.2013
15:26
17. Juni 1953 - der Tag der wütenden Arbeiter in der DDR
von neuwissen | #1

Wenn es darum geht aktuellen Protestbewegungen ein polisches Denkmal zu setzen tut sich die herrschende Berichterstattung etwas schwer. Da wurde im Rahmen der Blockupy-Demonstration mit ca. 20000 Teilnehmern in Frankfurt, die gegen die Bankenherrschaft und Finanzterror der sog. Märkte und den Börsenspekulantionen demonstrieren wollte am 1. Juni vor dem Bankenviertel eine Streitmacht schwerbewaffneter Polizeistreitkräfte entgegengestellt. Hunderte Demonstranten wurden eingekesselt und niedergeknüppelt. Sie wurden mit Kampfmitteln (Pfefferspray) besprüht. Die Straßendurchgänge wurden abgeriegelt. Unter den Demonstranten, die in friedlicher Absicht ihr Demonstrationsrecht in Anspruch nahmen, gab es über Hundert Verletzte. Hilfeleistungen von außerhalb des Kessels wurde verweigert, ein Entkommen aus der Umzingelung auch von Verletzten wurde unterbunden. Der Landesverband der Linken stellt Strafanzeige gegen Harald Schneider (Polizeieinsatzleiter). Schlachtfeld Demokratie.

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