Zwei Heldinnen des Bürgerkriegs

Kfarnabrak..  „Heldinnen“ nennen sie Frauen wie diese beiden in der internationalen Flüchtlingshilfe; Rana Dahouk und Maha Monzer aber wären entsetzt. Verständnislos, mindestens. Sie sind ja selbst geflohen, die Schwestern aus Syrien, und irgendetwas müssen sie doch tun! „Ich kann einfach nicht zuhause bleiben und nachdenken“, sagt Maha – also helfen sie Kindern, die gestrandet sind im Nachbarland Libanon, wie sie selbst.

Der Bürgerkrieg hat dabei auch ihre Welt verändert, ihre Rollen vertauscht. Früher war Maha, 48, die große, starke Schwester, die sich kümmerte um die zehn Jahre jüngere „Kleine“ wie eine Mutter. Heute ist es Rana, auf deren Schultern sich die ganze Familie stützt. Die zähe Managerin, die in reichen arabischen Ländern gearbeitet und gutes Geld verdient hat – sie organisiert jetzt die Projekte der Kindernothilfe in den Bergen des Libanon, sie ist der Kopf dieser Flüchtlingshilfe, zugleich aber auch deren Herz.

Was sie dafür bekommt, ist die Liebe der Kinder, ist die Dankbarkeit der Eltern, ist ein kleines Einkommen. Sie finanziert eine Wohnung davon, in der auch Platz wäre für die Eltern – aber die können nicht kommen. „Sie haben meinem Vater den Pass genommen“, der pensionierte Ingenieur engagierte sich etwas zu laut gegen das syrische Regime.

Nun wartet der 75-Jährige auf das „Verhör“, zu dem man ihn „eingeladen“ hat. Rana aber sagt: „Man weiß nie, ob von dort einer zurückkommt.“ So lange schickt sie Geld über die Grenze, sie hat geheime Wege gefunden, oft geht es mit einem Taxi. Die alten Eltern kriegen keinen Strom mehr, kein Wasser, kein Gas. Auf dem Schwarzmarkt kostet alles das Dreifache. Rana tut, als sei sie die kühle Rechnerin, die auch das Überleben ihrer Lieben managt. Doch es gibt auch den einen Moment, in dem sie die Fassung verliert: als ihr eine andere Flüchtlingsfrau vom Folterschicksal ihres eigenen betagten Vaters erzählt.

Maha dagegen, sie weint ohnehin viel. Die zweifache Mutter ertrug lange, was in Syrien geschieht, sie gehörte zur Mittelschicht, ein gutes Leben im Speckgürtel von Damaskus. Bis irgendwann eine Rakete ihre Wohnung zerstörte, sie flog mitten durchs Zimmer. Maha brach zusammen, sorgte sich um die Söhne, aber sie durften nicht fort. Syrien braucht Lehrerinnen wie sie, Telekommunikations-Experten wie ihren Mann, Studenten wie ihre Söhne. Als der Familie doch die Flucht gelang, hielt es Ehemann Wail nicht lange im Libanon: „Er musste Geld verdienen für uns, er wollte nicht betteln gehen.“

Wail arbeitet jetzt irgendwo in der syrischen Hauptstadt, sie hören nicht viel von ihm, Maha vermisst ihn. Sie ist nicht glücklich im Libanon, sie darf nicht arbeiten, und „die Heimat, die ich in meinem Herzen habe, gibt es nicht mehr“. Auch ihr Ältester fühlt sich nicht willkommen in dem Land, das ihre Zuflucht ist: „Du bist woanders, aber wirst immer noch schlecht behandelt“, sagt Ayham. Der 20-Jährige jobbt, aber fühlt sich „wie ein Sklave“, bislang wurde er nirgends bezahlt. Und in Syrien wartet der Militärdienst.

Sie spielen mit den Kindern, geben ihnen zu essen, warme Kleider

Die Monzers haben eine Wohnung in Kfarnabrak, aber nichts darin gehört ihnen, es ist alles geliehen, kahl, aber sicher, immerhin. Nur kommen keine Freunde, die Wärme bringen könnten in dieses Haus. „Die meisten sind sowieso tot“, sagt Ayham lapidar, „die Bomben. Ich hatte bloß Glück.“ Der junge Mann ist spürbar traumatisiert, aber für das Schutzzentrum der Kindernothilfe ist er längst zu groß.

Dafür gehen seine Mutter hin und seine Tante. Sie arbeiten dort, sie spielen mit den Flüchtlingskindern, geben ihnen zu essen, warme Kleider, und Maha unterrichtet: „So verlieren sie nicht auch noch Zeit, haben die Chance zu lernen.“ Rana und Maha bringen die Kinder auf andere Gedanken. Sich selbst auch.