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Trauer

Wenn der Platz neben Papa leer bleibt

26.10.2012 | 16:05 Uhr
Wenn der Platz neben Papa leer bleibt
Die Mutter starb an Evas Geburtstag. Ihr Bruder Lars war enttäuscht: weil es nicht sein Geburtstag war.Foto: Bernd Lauter

Gelsenkirchen.   Wie soll man einem Kind erklären, dass Mama oder Papa gestorben ist, dass sie sich nie wieder sehen werden? Nie wieder. Was heißt das? Und wie sagt man das Unsagbare? Wie Kinder mit dem Tod ihrer Liebsten umgehen. Eine Lebenshilfe.

Am Tag, als seine Mutter starb, ist Lars hingegangen und hat sie gekitzelt. „Mama war ganz kalt und vorher immer ganz warm“, sagt der Zehnjährige, der damals fünf war. „Sie hat nicht reagiert, und da hab’ ich gewusst, dass sie tot ist.“ Seine große Schwester wollte nicht mit ins Krankenhaus. Schon von dem Moment an nicht mehr, als sie ihr sagten: „Die Mama wird sterben.“ Denn Eva, sieben, hatte ein Bild im Kopf, wie auch immer es dahin gekommen war: Sie glaubte, wenn jemand stirbt, liege im Bett ein Skelett.

Sterben ist nichts für Kinder, finden viele Erwachsene. Wenn sie die kleinen Menschen also von Tod und Trauer fernhalten, dann meist, um sie zu schützen. Doch der Tod lässt sich nicht totschweigen. Er kriegt dann hässliche Fratzen. Und nur, wer ihn an sich heranlässt, kann ihn als Teil des Lebens kennen und verstehen lernen.

Kindertheater
„Nur ein Tag“ - herzenskluges Kinderstück über das Sterben

Wie macht man Kinder mit der Tatsache vertraut, dass Menschen sterben? Die Junge Bühne des Theaters Hagen zeigt mit „Nur ein Tag“ ein herzenskluges Kinderstück. Autor Martin Baltscheit erzählt eine Parabel ohne erhobenen Zeigefinger.

Mehr als einmal hat die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper Kinder erlebt, die zum ersten Mal eine Urne sahen und die nachvollziehbare Frage stellten: „Ist da der Kopf drin?“ Ein kleiner Mensch, der Oma eben noch lebendig sieht und das nächste Mal nur noch ein Blümchen auf einem Haufen frischer Erde, ein Kind, aus dessen Leben die Großmutter also ohne Worte verschwindet – es hört ja nicht auf zu denken. Und was es denkt und grübelt, was es sich vorstellt und ausmalt, packt es in eine „Black Box“. Aus der dann eben Skelette kommen, so furchteinflößend wie die schwarzen Kleider, die die Leute plötzlich tragen. „Das Kind muss die Lücke mit Fantasie füllen“, sagt Schroeter-Rupieper.

Ein herzenswarmer Ort

Die gelernte Erzieherin hat jahrelange Erfahrung mit Trauernden, führt in Gelsenkirchen ein „Institut für Familientrauerbegleitung“. Das klingt etwas bürokratisch, ist aber ein herzenswarmer Ort, an dem Traurigkeit gelebt werden darf, wo niemand sagt: „Ist doch nicht so schlimm.“ Weil es eben „ganz feste schlimm“ ist, wenn ein Angehöriger stirbt. Nicht „heimgeht“ und auch nicht „einschläft“, betont Schroeter-Rupieper, denn „Tote gehen nicht mehr und wachen auch nicht mehr auf“. Sie pflegt ein klares Wort; Kinder brauchen Ehrlichkeit.

Fröhliche Kinder seien das, sagt sie, „die manchmal traurig sind“. Oder wütend, weil sie ihre Tränen geschluckt haben. Leandra zum Beispiel war zehn, als ihr Vater bei einem Motorradunfall ums Leben kam. „Man fühlt gar nichts in dem Moment“, sagt sie heute, wo sie 16 ist und weiß: Sie wollte es nicht wahrhaben. Leandra konnte nicht weinen, lange nicht, sie sammelte die Tränen in ihrem Bauch, verstaute und versteckte sie, bis sie Bauchschmerzen bekam. „Ich hatte Angst, wenn ich einmal weine, dann hört es nie mehr auf.“

Mechthild Schroeter-Rupieper begleitet Familien, die um einen geliebten Angehörigen trauern. Foto: Martin Möller

Und immer hoffte sie leise, dass der Papa doch noch wiederkommt. „Vom Verstand her weiß man, dass das nicht so ist. Aber das Gefühl weiß es nicht mehr.“ Manchmal ist Leandras Tränenversteck explodiert, dann schimpfte sie mit sich selbst: „Wegen Kleinigkeiten weinst du, aber wegen Papa nicht.“ Niemand verstand, dass sie nur Mut machen wollte: der Mama, dem Bruder und vielleicht auch sich selbst.

In Gelsenkirchen haben sie es verstanden. Weil sie hier wissen, was sich als Lehrmeinung nur langsam durchsetzt: Kinder trauern anders. Aber man kann, muss ihnen das Trauern zutrauen. Sie müssen es fürs Leben lernen, wie das Lachen auch. Im Fühlen nämlich sind Kinder gut: Sie merken, wenn etwas nicht stimmt, sie sehen, dass Mama geweint hat. „Kinder trauern so viel, wie sie verstehen“, weiß Mechthild Schroeter-Rupieper.

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