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Lügen

Jeden Tag lügen wir 200 Mal – das hat auch sein Gutes

02.11.2012 | 18:50 Uhr
Jeden Tag lügen wir 200 Mal – das hat auch sein Gutes
Lügen – moralisch verwerflich oder notwendig?

Essen.   Die Rente ist sicher und die Erde eine Scheibe. Wir wollen nicht belogen werden, nehmen es aber selbst mit der Wahrheit nicht so genau. Denn die Lüge wirkt wie Klebstoff, der das soziale Gefüge zusammenhält. Ehrlich!

Geben Sie es ruhig zu: Sie haben gelogen! Am letzten Wochenende beispielsweise, als Sie der monströsen Vase, die Tante Hilde zum Geburtstag auspackte, einen Ehrenplatz auf der Kommode garantierten. Und das kann doch wohl nicht wahr sein, dass Sie das verunglückte Vogelnest, das die Kollegin heute Morgen als neue „Frisur“ vorführte, als „supercool“ bejubelten? Und wie ist das eigentlich mit den Krimis, die Sie dem Finanzamt als „Sachliteratur“ unterjubeln wollen? Und belügen Sie sich nicht selbst, wenn Sie ein Kleid in Größe 38 anprobieren wollen, obwohl sie genau wissen, dass nur Größe 42 passt?

Also: erwischt! Zur Beruhigung sei allerdings gesagt, dass Sie sich keineswegs in schlechter Gesellschaft befinden. Alle anderen lügen auch, vor allem die, die behaupten, sie würden immer und ewig die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen. Wir können das Lügen einfach nicht lassen. Letztlich ist die Lüge sogar eine Kunst, ohne die unser Zusammenleben nicht funktionieren würde – ehrlich!

Alle fünf Minuten biegen wir uns die Wahrheit zurecht

Wir lügen rund 200 Mal am Tag, da ist sich die Wissenschaft inzwischen ziemlich einig. Wenn man mal davon ausgeht, dass wir im Schnitt 16 Stunden wach sind, gehen wir also etwa alle fünf Minuten mit der Wahrheit, sagen wir mal: ein wenig kreativ um. Wir wissen natürlich, dass man das eigentlich nicht darf, und deshalb verkleiden wir das böse Tun gern mit harmlosen Umschreibungen. Es wird also nicht einfach gelogen und betrogen, sondern geflunkert und geschwindelt, und manchmal biegen sich auch die Balken, haha.

Pinocchio lügt, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Genau wie wir.Foto: Getty

Unseren Kindern erzählen wir begeistert vom Lügenbaron Münchhausen, der angeblich auf einer Kanonenkugel ritt. Oder von Pinocchio, dem lustigen Holzmännchen, dessen Nase bei jeder Lüge ein wenig wuchs. Am Fall Pinocchio lässt sich die Kunst der Lüge übrigens bestens studieren. Pinocchio war ein rechter Lausbub, der oftmals nicht die Wahrheit sagte, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, heißt es in dem italienischen Kinderbuchklassiker. Das ist auch meist unser Motiv.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn schon unsere Kinder lügen. Im zarten Alter von drei Jahren, so fanden chinesische Wissenschaftler heraus, lernen Kinder, sparsam mit der Wahrheit umzugehen, mit sechs sind viele perfekt. Die Kinder schauen sich das natürlich von den Eltern ab. Oma Grete schickte kratzige Wollsocken, und das arme Kind wird nicht nur verdonnert, die Folterwerkzeuge beim nächsten Verwandtenbesuch zu tragen: Es muss auch noch behaupten, es fände die Socken schön. Und wenn man beim Sonntagskuchen fröhlich preisgibt „Papa hat gesagt, dass Onkel Willi immer dicker wird!“, setzt es natürlich pädagogische Maßnahmen vom Allerfeinsten, und spätestens von da an wird das Kind seine ehrlichen Ansichten lieber für sich behalten.

Es gibt natürlich Unterschiede. Streng genommen, ist schon das Verschweigen von Informationen eine Lüge. Aber eine lässliche, wird behauptet. Die Angelsachsen versammeln diese Art von Lügen übrigens unter dem Begriff „White Lies“. Weiß ist unschuldig, also gut: Wenn man einen guten Zweck verfolgt, ist die Lüge erlaubt, zumal, wenn man einem Mörder verschweigt, wo sich sein potenzielles Opfer befindet. Schwarz dagegen ist böse, und „Black Lies“ sind deshalb verboten, weil auf ein hässliches Ziel gerichtet.

Kommentare
05.11.2012
10:55
Jeden Tag lügen wir 200 Mal – das hat auch sein Gutes
von spruehsahne | #7

..schlimm ist, wenn Lügner die Wahrheit nicht mehr ertragen können!

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2012-11-02 18:50
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