Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Angeln

Warum die Jagd auf den Barsch bei den Jungen wieder hip ist

26.02.2016 | 14:12 Uhr
Warum die Jagd auf den Barsch bei den Jungen wieder hip ist
Matthias „Melle“ MelchiorFoto: MATTHIAS GRABEN

Duisburg.   Mit Matthias Melchior im Duisburger Hafen: Angeln mit Kunstködern ist sehr beliebt, auch bei eisiger Kälte. Wenn der Barsch beißt, knallt’s.

Sonst knallt’s. Es knallt eigentlich immer, wenn Matthias Melchior am Wasser ist: So nennt er das, wenn ein Barsch beißt. Oder ein Zander, Hecht und Wels. Nur heißen die bei ihm nicht so, sie sind „Fritten“, wenn sie klein sind, oder anders „Kanonen“. Melchior fängt oft Kanonen mit seiner Raubfisch-Rute, dafür kennt man ihn nicht nur im Duisburger Hafen, seit er in der Raubfisch-Liga die Barsch-Wertung gewann. Da steht er, da geht er, „Melle“ an der Hafenkante, an der Spundwand entlang. „Er macht Strecke“, sagt man. Heute knallt’s nicht.

„So ist Angeln“, sagt Melchior, 28, er klingt gelassen, anfangs noch. Viele haben sich das anders vorgestellt: mit Männern in grünen Gummistiefeln, die schweigend am Wasser sitzen und warten, dass die Pose abtaucht. Rund die Hälfte der deutschlandweit wohl vier Millionen Angler aber sind inzwischen aufgestanden von ihren Klappstühlen und haben sich – mit leichter Rute, Ködertasche und bequemen Schuhen – aufs Spinnfischen verlegt. Eine sehr aktive Form des Angelns ist das, „hip und bei jungen Leuten angesagt“, weiß Birger Domeyer, Redakteur der Zeitschrift „Fisch & Fang“ sowie ihres Tochterblatts „Der Raubfisch“. Dass eine der Techniken dabei „Faulenzen“ heißt: am Thema vorbei.

Trotzdem soll die Sache beruhigend sein: „Ich kriege den Kopf frei“, sagt Matthias Melchior, als er einem neonfarbenen Gummifisch einen Haken in den Leib bohrt. Andere Angler aber berichten vom Adrenalin: wie aufgeregt sie sind, wenn es „knallt“ in der Rutenspitze! Aber auch, weil es jederzeit könnte. . . Von „mentaler Herausforderung“ spricht Birger Domeyer. „Es kann jetzt knallen, oder es kann nicht knallen“, sagt Melle. „So ist Angeln.“

Zwischen Brücken und unter Booten

Angeln ist an diesem Tag in Duisburg ziemlich kalt. Fische passen sich an, dem Fischer ist es egal. Melchior trägt nicht einmal Handschuhe unterm Marientor. Und kann trotzdem knoten, schneller, als das Auge erlaubt. Das immer in Bewegung ist: Wo hat das Wasser welche Farbe, wo ist vielleicht ein Loch, in dem Fische stehen, wo schwimmen Friedfische, denn da ist der Räuber selten weit. Auch die Arme rotieren: werfen unter Brücken, zwischen Boote, zupfen, drehen an der Rolle.

Es ist Betrug. Betrug am Barsch. Dieser künstliche Köder. Foto: MATTHIAS GRABEN

Es ist Betrug. Betrug am Barsch. Zwar ist auch der gute, alte Wurm am Haken ein Betrüger, der für den Angler arbeitet. Hier aber arbeitet der Angler selbst mit künstlichen Ködern. Gaukelt dem Tier vor, dass ein kranker Futterfisch durchs trübe Wasser taumelt. Und der Betrug ist bunt: „Millionen Farben, Formen, Laufverhalten“ zählt Birger Domeyer auf, die Kunstköder sind eine Industrie und ein Geschäft. Und für den Angler „ein Hobby im Hobby“. Denn der sammelt sie, vergleicht, probiert und hat doch nie den richtigen dabei. „Angler“, sagt der Angler Domeyer (man ahnte es schon), „sind wahnsinnig.“

Nun macht Matthias Melchior einen durchaus normalen Eindruck, ein „Malocher“, ein Familienvater, der „nicht mehr auf Brautschau“ ist und seinen Jagdtrieb also nur noch am Wasser auslebt. Einen Jagdtrieb übrigens, den Birger Domeyer „evolutionär“ nennt: Das Angeln ist des Mannes, bei den eher wenigen angelnden Frauen „habe ich noch nie dieses Brennen in den Augen gesehen“. Melle fing einst an mit seinem Vater am Forellenteich, 20 Jahre ist das her; er erarbeitete sich den Hafen auch dort, wo andere nicht dürfen: „Früher hat man die Hausmeister mit Fisch bestochen, heute mit einer Flasche.“ Dieser Mann weiß, wo die Fische sind; „wenn einer den Hafen kennt“, sagt ein Kumpel über ihn, „dann er“.

Deshalb fängt Melchior zuverlässig, „in Sternstunden“ 20, 30 Barsche am Tag, manchmal über der magischen 50-Zentimeter-Marke. Seit er das in der Raubfisch-Liga belegte, wird er von einer Angel-Firma gesponsert. Man kennt ihn, man bewundert ihn, mancher beneidet ihn auch. Bei der Barsch-Wertung muss er nicht mehr mitmachen. „Ich wollte den Leuten zeigen: Was ihr könnt, kann ich auch. Und ich fange sogar größere Fische.“

Aber selbst einer wie er hat Tage wie diesen: „Ich fange auch mal nichts“, aber das nervt ihn jetzt zusehends. Der Köder hüpft unter dem Bug eines Ausflugsdampfers, am Anleger klebt ein Aufkleber: „Dichter am Fisch.“ Würde an diesem Abend noch „eine Fritte“ einsteigen, er wäre trotzdem glücklich. Und wenn nicht? „Dann freu’ ich mich, dass ich draußen war.“

Bei Barsch-Alarm fotografiert er die Beute

Wenn bei Melchior aber Barsch-Alarm ist, dann fotografiert er die Beute. Fisch vorm Gesicht, so machen das alle, und wenn sie dick ist, stellt er „die Kirsche“ ins Internet. Normal schließlich ist, dass Matthias Melchior Fische pflückt wie andere Leute Kirschen. Melle sagt, heute liegt es am Spot, also an der Angelstelle, anderswo laufe es sicher besser. Dazu könnte man nun allerhand bemerken, aber es ist ja so: Der Mann angelt heute hier, weil ein Fotograf dabei ist. Und Fotografen wollen immer auch Gegend. Gegend aber macht erkennbar: Findige Angelkollegen durchsuchen das Netz nach dem Haus im Hintergrund, dem Strommast und der Wasserfarbe – und wissen, wo der Melle fängt.

Meist sind das Leute, die im Internet auch das Wetter beobachten, den Wind und den Luftdruck. Die wissen, was der Fisch mag, und nur gehen, wenn sie glauben, dass es sich lohnt. „Aber wer so drauf ist“, sagt Melchior, „ist weniger am Wasser.“ Nichts für ihn. Und sind nicht die Tage die besten, an denen angeblich nichts beißen soll und er doch überrascht wird? „Hänger, Biss oder gar nichts“, so kann es immer gehen. „So ist Angeln.“ Und er ist immer auf der Suche, „auf der Jagd nach den Kapitalen“. Auf die Großen, die es angeblich nicht gibt. Den Barsch über 60, den er schon mal gesehen hat.

Heute wird er nicht kommen. Es haben ja schon andere versucht: Über dem Tau eines Bootes hängen abgerissene Köder wie an einem Weihnachtsbaum. „Abgeschneidert“, sagt der Angler, wenn er nichts fängt. „Letztlich“, hat Birger Domeyer gesagt, „entscheidet der Fisch.“

Annika Fischer

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Arbeiten in der Kanalisation
Video
Extreme Jobs
Arbeiten in luftiger Höhe
Video
Extreme Jobs
article
11601547
Warum die Jagd auf den Barsch bei den Jungen wieder hip ist
Warum die Jagd auf den Barsch bei den Jungen wieder hip ist
$description$
http://www.derwesten.de/panorama/wochenende/warum-die-jagd-auf-den-barsch-bei-den-jungen-wieder-hip-ist-id11601547.html
2016-02-26 14:12
Wochenende