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Von der Halde schicken sie Signale bis nach Schottland

19.02.2016 | 19:17 Uhr
Von der Halde schicken sie Signale bis nach Schottland
Amateurfunker Kurt Willutzki von den Rheinhauser Funkamateuren vor dem Hallenhaus auf der Halde Norddeutschland.Foto: Jakob Studnar

Neukirchen-Vluyn.  Kurt Willutzki und die Amateurfunker aus Duisburg-Rheinhausen loben die Halde Norddeutschland als idealen Standort für Internationale UKW-Funkwettbewerbe.

Wer in den letzten Tagen die Himmelstreppe emporgestiegen ist (nicht die in Gelsenkirchen – auch in Neukirchen-Vluyn gibt es eine), der konnte ein für ­diese Region etwas unwirkliches Naturschauspiel beobachten. Am Hang der ­Halde Norddeutschland standen die ­ersten Bäume in kleinen weißen Blüten und ließen vor dem Blau des Himmels den Frühling erahnen. Oben angekommen war der Gipfel jedoch bedeckt mit ­schönen Schichten Schnee.

Kurt Willutzki schenkt der Natur an diesem Tag nur wenig Beachtung. Er nimmt auch nicht die 359 Stufen, sondern mit dem Auto die Serpentinen, die sich den künstlichen Berg hinaufschlängeln. „Wir sind überwiegend ­ältere Semester“, entschuldigt er sich. Obwohl: Gerade eben habe er ein „Damenkränzchen“ die Treppe hinauflaufen sehen. Die machten das täglich, ­damit sie fit blieben.

Ein Symbol für den Strukturwandel: das Hallenhaus auf der Halde Norddeutschland. Foto: Jakob Studnar

Um körperliche Fitness geht es dem 79-Jährigen nicht. Funk ist seine Leidenschaft. Und die Halde Norddeutschland der ideale Austragungsort für Internationale UKW-Funkwettbewerbe. Deshalb haben er und seine Kameraden, die Amateur­funker aus Duisburg-Rheinhausen, auch die Erlaubnis, auf die Halde zu fahren.

Je höher sie ihre acht Meter hohe Antenne aufstellen können, desto besser ist es für den Wettbewerb, wie der im ­vergangenen September. „Auf der Halde steht uns nichts im Weg“, schwärmt ­Willutzki. Mit einer Mannschaft von zehn, elf Leuten ist er dann vor Ort. „Um 24 Stunden durchzustehen.“ Alle zwei Stunden müssen sie sich vor dem Funk­gerät abwechseln. „Es ist ein fürchter­liches Gebrabbel.“

Zwei Möglichkeiten haben sie: Suchen. Oder Rufen: „CQ“ heißt dafür der Anruf an alle. Dann gehen die Amateurfunker auf Empfang und warten, ob jemand ­zurückruft. Glückt ihnen das, notieren sie sich den Standort im Logbuch. Und heute natürlich auch am Computer. „Da wird nicht lange geplaudert“, sagt Willutzki. Das seien so genannte „Hello-Goodbye- ­Verbindungen“.

Ein Zelt auf dem Gipfel

Das Ganze geschieht in einem Zelt. Das letzte Mal hatten sie es an der höchsten Stelle dieser höchsten Bergehalde am Niederrhein aufgeschlagen, also direkt neben dem so genannten „Thingplatz“. Dort, wo in diesem Augenblick ein Mann versucht, mit dem Gleitschirm abzuheben. Die Halde ist auch beliebt bei denjenigen, die den Wind mögen. Sie lockt Drachenflieger an und Kite-Buggy-Begeisterte, Modellflieger und eben Gleitschirmflieger.

Ein Gleitschirmflieger versucht auf der Halde Norddeutschland zu starten. Foto: Jakob Studnar

Die kühle Luft atmen auch die anderen ein: ­Spaziergänger, Fahrrad­fahrer, Nordic Walker, während ihre Blicke in die ­Ferne schweifen, über das Ruhrgebiet, den Niederrhein. „Schottland“ – so weit sind Willutzki und sein Funkteam bisher von der Halde aus gekommen. „Russen haben wir so viele, aber Schotten sind eine ­Rarität.“ Je weiter entfernt der Erreichte lebt, desto mehr Punkte gibt es.

Gewonnen haben sie zwar noch nie. „Andere haben Antennen, die sind viermal so lang.“ Aber für Willutzki mit dem international gültigen Rufzeichen DJ4RP fühlt es sich jedes Mal wie ein kleiner ­Gewinn an, wenn er eine Karte bekommt, die die Funk-Verbindung bestätigt. Später zeigt er eine, auf der eine Geisha abge­bildet ist. „Japan!“ Um die Menschen dort zu erreichen, benötigt er allerdings nicht UKW, also keine Ultrakurzwellen, sondern Kurzwellen. „Das machen wir am Rhein.“ Denn dafür sei die Höhe des Standorts nicht wichtig, erklärt er. „Die kurze Welle strahlt ab in einem 30 Grad-Winkel nach oben und trifft dort in 200 bis 300 km Entfernung auf die Heaviside-Schicht. Die reflektiert das Signal wieder, von der Erde geht es dann erneut zurück. So ergeben sich Sprünge bis Japan.“

Das rote Geleucht in der Ferne

Von „Norddeutschland“ sieht man „Rheinpreußen“ – die Nachbarhalde in Moers mit dem roten Geleucht. Auch die Landmarke auf Norddeutschland ist ­bereits von Weitem sichtbar: das Hallenhaus. Ein Haus aus Stahl, ohne Dach, ­ohne Wände. Es soll an die Architektur ­alter Bauernhöfe erinnern und ein ­Symbol für den Strukturwandel sein.

Vor dieser Kulisse trifft man sich auch zum „Dong Open Air“, dem Metalfestival, benannt nach einer Siedlung in Neu­kirchen-Vluyn: Dong. Der nächste Termin steht schon: 14. bis 16. Juli. „Dann ist hier der Teufel los“, sagt Willutzki.

359 Stufen – die Himmelstreppe in Neukirchen-Vluyn. Foto: Jakob Studnar

80 Millionen Tonnen Taubes Gestein sind zu dieser Halde aufgeschüttet worden. Das Bergematerial stammt aus dem Bergwerk Niederberg. Auch eine kleine Schachtanlage Norddeutschland hat es mal gegeben, die spätere Zeche Friedrich Heinrich.

Willutzki hatte schon immer Rundfunkmechaniker werden wollen. Aber damals in der Lüneburger Heide bekam er nur die Lehrstelle als Schlosser. Als die Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen mit sieben Kindern später ins Ruhrgebiet umge­siedelt wurde, hätte er sofort bei Thyssen oder Krupp anfangen können. „Aber ich wollte unbedingt Rundfunkmechaniker werden.“ Das wurde er dann auch.

Für eine Amateurfunker-Lizenz muss man auch heute noch eine Prüfung ablegen. „Das ist eine halbe Lehre.“ Doch so faszinierend es sei, der Nachwuchs bleibt aus. „Die neue Technik hat die alte verdrängt“, sagt Willutzki wehmütig. Dabei sei es so schön, ganz überraschend mit Menschen aus dem Ausland zu sprechen.

Wenn er nicht gerade den kurzen ­Kontakt für einen Wettbewerb sucht, freut er sich über längere Gespräche, wie etwa die mit dem pensionierten britischen ­Lokomotivführer, der gerade Deutsch lernte, während Willutzki sein Englisch aufbesserte. „Wir haben uns die Sprachen gegenseitig beigebracht.“

Maren Schürmann

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2016-02-19 19:17
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