Von Ardistan bis Zauberberg
20.01.2012 | 19:16 Uhr 2012-01-20T19:16:00+0100
Essen. Traumlandschaften und Scheinwelten sind im „Atlas der fiktiven Orte“ zu bewundern. Karten verraten, wie es in Atlantis aussieht oder im Zauberland Oz. Ein großes Sehvergnügen zum Schmunzeln und Schwärmen.
Das sollten Sie wissen: Lummerland ist lediglich 200 Quadratmeter groß, „zweimal so groß wie unsere Wohnung“.
Landkarten laden ein zum Träumen. Wie sieht es wohl aus am Ufer jenes Flusses, der auf dem Papier blau mäandert? Ob dort Schnee liegt auf den Gipfeln jener Berge, deren feine Höhenmeterstriche sie vor unserem geistigen Auge gen Himmel wachsen lassen? Und wie wäre es, über die kleine gewundene Landstraße zu fahren, zwischen den gelb schraffierten Feldern?
Zu den anregenden Atlanten, die unsere Welt vermessen, gesellt sich nun einer, der innere Welten kartografiert. Von Walhall bis zum Olymp, von Karl Mays Ardistan bis Thomas Manns Zauberberg verzeichnet dieser Atlas ausschließlich fiktive Orte, in liebevollen Beschreibungen und feinsinnigen Illustrationen. Wobei „fiktiv“ irreführend ist. Schließlich gibt es diese Orte ja tatsächlich, auf dem Papier: Die Scheinwelten haben sich eingeschrieben in die Kulturgeschichte der Menschheit.
Spätestens seit den Hochkulturen im Mesopotamien des zweiten Jahrtausends vor Christus begleitete die Menschen ein Traum von einem Ort, an dem es sich angstfrei und sicher und freudvoll leben ließe. Ein Paradies, also! Tatsächlich haben viele der im Buch vorgestellten Ortsfiktionen paradiesische Züge.
Das Zauberland Oz
Wie beschaulich muss etwa das Leben sein in einem Land, in dessen Hügeln, Wäldern und Wiesen sich plüschtierartige, dickliche Wesen tummeln, die sechsmal am Tag essen – gerne im Gasthaus „Der Grüne Drache“, das neben der „Brandyweinbrücke“ zu den größten Sehenswürdigkeiten zählt? Das Auenland, Reich der Tolkien’schen Hobbits, ist „eine Landschaft, die keine Helden hervorbringt, aber in der Regel auch keine braucht“. Darin vergleichbar also mit dem Zauberland Oz, das Lyman Frank Baum sich ausdachte, oder Michael Endes Lummerland – die Insel mit zwei Bergen für Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer.
Viele der liebevoll beschriebenen und feinsinnig gezeichneten utopischen Staaten sind ja Inseln, von Atlantis bis zur Robert Louis Stevensons Schatzinsel; die Unerreichbarkeit der Utopie erklärt sich dann umstandslos aus der Meeresweite. Manche aber liegen auch „hinter einem Berg aus Hirsebrei, drei Meilen hinter Weihnachten“: Zu den Sehenswürdigkeiten des Schlaraffenlands gehören „Feldzäune aus Bratwürsten“ und „Semmelbäume“. Herrlich! Oder wäre das Tischlein-deck-dich-Land heute, in Zeiten der gesunden Ernährung, eher eine Anti-Utopie? Viele der phantastischen Orte waren genau das ja schon zu ihrer Zeit.
Kritik der Realität
Selbst Thomas Morus’ Utopia, die Idee des idealen Staates, überzeichnet böse herrschende Zustände. Auch Fritz Langs Metropolis oder Bertolt Brechts Mahagonny lassen sich betrachten als die zwei Pole einer überaus kritischen Weltsicht: Metropolis liegt „im Norden der westlichen Welt“ und erinnert an New York, Mahagonny siedelte Brecht an Amerikas Nordwestküste an – eine Stadt, deren Bewohner nach Geld und Gold gieren, und Vergnügen. „Oh, show me the way to the next whisky bar . . .“
Selbst in den Kinderklassikern unter den ausgedachten Orten ist der Wille zur Moral noch spürbar. In Phantásien etwa, Michael Endes unendlicher Abenteuerlandschaft, wird ein kleiner, dicker Junge zum Helden in einem wahren Fest der Fantasie. Dass diese aber nur Kindern zugesprochen wird, dieser Vorstellung erwachsener Einfallslosigkeit widerspricht der besondere Atlas auf einzigartige Weise.
- Werner Nell: Atlas der fiktiven Orte. Mit Illustrationen von Steffen Hendel. Meyers Verlag, 160 Seiten, 29,95 Euro
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