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Tanz zwischen den Stühlen

06.01.2012 | 19:55 Uhr
Tanz zwischen den Stühlen
Mit leichten, beinahe schwebenden Strichen skizzierte Bastien Vivès die Geschichte der Polina. Illustration: Reprodukt

Essen.   Der französische Comicautor Bastien Vivès hat der Primaballerina Polina Semionova einen Comic gewidmet – ohne dass sie davon wusste. Es ist die Geschichte eines entbehrungsreichen Erwachsenwerdens und einer schwierigen Selbstfindung. Und ein ungemein poetisches Werk.

Als er das Grönemeyer-Video „Demo (Letzter Tag)“ gesehen hat, war es um ihn geschehen: Bastien Vivès erlag den anmutigen Bewegungen der Primaballerina Polina Semionova. Eine Faszination, die so stark war, dass er der Russin, die heute zum Ensemble des Staatsballetts Berlin gehört, einen Comic widmete. Allerdings ohne sie vorher davon in Kenntnis zu setzen. So entstand mit „Polina“ eine Geschichte, die ergreifend von den Entbehrungen und Härten einer Ballettausbildung in Russland und der schwierigen Selbstfindung auf dem Weg zum Star erzählt, locker orientiert am Leben des tatsächlichen Vorbilds.

Dass das Ballett seine Anhänger mit Haut und Haaren, Geist und Seele fordert, wissen wir ja nicht erst seit dem oscarprämierten Spielfilm „Black Swan“. Der Ansatz von Vivès ist hingegen ein ganz ruhiger, ohne großes Psychodrama, aber nicht arm an inneren Konflikten.

Es beginnt mit einer Weisheit, die Polinas Mentor Professor Bojinski der noch sehr jungen Tänzerin auf den Weg gibt, die aber nur eine Hälfte der Wahrheit ist: „Tanzen ist eine Kunst. Das kann man nicht lernen.“ Die andere Hälfte der Wahrheit ist, dass es trotz allen Talents totale Hingabe, eiserne Disziplin und extreme Leidensfähigkeit braucht, um im Ballett erfolgreich zu sein. Eine Erfahrung, die wahrscheinlich zahllose Mädchen machen mussten, bevor sie eines Tages doch ihre Primaballerina-Träume begraben haben.

Zwischen zeitgenössischer und klassischer Ausbildung

Polina steht trotz ihrer ungeheuren Begabung ebenfalls im Zwiespalt, allerdings zunächst nicht so sehr in dem zwischen Ballett und normalem Leben, sondern eher zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Tanzlehren. Am Theater lernt sie zeitgenössischen Tanz, bei Professor Bojinski führt sie parallel ihre klassische Ausbildung fort. Das führt zwangsläufig dazu, dass das Leben ein bisschen zu kurz kommt. Aber es enthält auch ein paar herbe Enttäuschungen, wenn Polinas Freund Addrian sie ausgerechnet mit jener Frau betrügt, die sie schon beim Pas de deux ersetzt hat.

Bastien Vivès, der bereits mit dem sehr ruhigen Schwimmer-Comic „Der Geschmack von Chlor“ große Beachtung fand, ist ein poetisches Album übers Tanzen, übers Erwachsenwerden und die Hingabe an seine Ziele gelungen. Einen besonderen Reiz erhält der Comic, wenn man parallel die Biografie der echten Polina zur Hand nimmt, die ganz anders verläuft als der Comic.

  • Bastien Vivès: Polina. Reprodukt, 208 S., 24 Euro; Gerhard Haase-Hindenberg: Polina: Aus der Moskauer Vorstadt auf die großen Bühnen der Welt. Vgs, 248 S., 16,95 Euro

Georg Howahl

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