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So lacht das Revier – Mia Mittelkötter gibt sich die Ähre

23.01.2015 | 16:13 Uhr

Gelsenkirchen.   Zum Krümeln komisch: Lioba Albus in ihrer Paraderolle der schrulligen Sauerländerin besucht einen Hersteller von Pumpernickel – der Champagner Westfalens.

Sie ist nicht von hier: Das rollende Rrrr in der Stimme, das adrett zu grauen Wellen gelegte Haar und das glitzernde „Jöpken“ – so sieht doch keine Frau im Revier aus. Mia Mittelkötters Heimat ist das Sauerland, das „Kuba Westfalens“ , wie sie nicht müde wird zu betonen.

An diesem einen Tag versteckt sie jedoch ihr apartes Äußeres unter Kittel und Haube. Vorschrift ist Vorschrift bei Bäcker Prünte. Aber die Dame tut’s gerne für den Westfälischen Pumpernickel: „Das war das Highlight unserer Samstagabend-Tafel. Da gab es für jedes Kind – und wir waren sieben – ein halbes Brötchen, Butter drauf und eine Scheibe Pumpernickel. Das war das Größte.“ Das sagt nicht nur Mia Mittelkötter, sondern auch die Frau unter der Perücke: Lioba Albus. In Gelsenkirchen lernte sie nun, wie das „Kleine Schwarze unter den Schnitten“ gebacken wird.

Die alten Pumpernickel-„Krümmels“ kommen wieder in den neuen Teig. „Prima Resteverwertung“, meint Mia Mittelkötter. Foto: Lars Heidrich

Roggenschrot, Wasser, Salz und Hefe – so kurz ist die Zutatenliste. „Das Geheimnis liegt nicht bei den Zutaten, sondern beim Backen“, verrät Geschäftsführer Thomas Gill, dessen Großvater mütterlicherseits, Wilhelm Prünte, einst in Fröndenberg das Familienrezept ersann, das in seinem Ursprung schon über 500 Jahre alt ist. „Die wichtigste Zutat ist die Zeit“. Über 20 Stunden muss der Brotlaib bei etwas über 100 Grad backen. Mia Mittelkötter nickt wissend: „Qualität ist immer etwas Langsames.“

Dabei ist die Frau, die die Mia Mittelkötter erfunden hat, sehr schnell. Von einer Sekunde auf die nächste schlüpft sie in die Rolle. Perücke auf, fertig. Da kann sich so mancher eine Scheibe von abschneiden. „Der Fokus soll auf der Schauspielerei und nicht auf den Requisiten liegen“, sagt Albus mit dem blonden Haar (Erstaunlich, wie attraktiv sie in Wirklichkeit aussieht. Obwohl Mia Mittelkötter das wohl anders sehen würde . . .).

Hose an und der Promillephilosoph ist dran

So verändert Albus auf der Bühne nur ein wenig ihr Äußeres: Kittel über, und schon ist sie die „Pommesschlampe“. Hose an – und der „Promillephilosoph Detlev“ ist dran. Obwohl sie mehrere Rollen verkörpert, ist Mia Mittelkötter die bekannteste und älteste. „Als ich angefangen habe, vor 24 Jahren, da habe ich immer gesagt, sie ist jenseits des Klimakteriums.“ Heute kann sie das nicht mehr behaupten. „Weil ich jetzt altersmäßig die Mia längst überholt habe“, sagt die 56-jährige Albus. „Nun behaupte ich immer, sie ist in den besten Jahren: noch unter 100.“

Schwarz-gelb verpackt – und das in Gelsenkirchen! Das gefällt der Frau unter der Perücke, der Dortmunderin Lioba Albus. Foto: Lars Heidrich

Zur Mia kam Lioba Albus über ihre Schwiegermutter. Die schenkte ihr einst eine Perücke. „Sie hat es gut mit mir gemeint und mir den Tipp gegeben, wenn ich morgens aus dem Haus muss und die Frisur nicht sitzt, dann habe ich nun etwas, was ich drübersetzen kann. Das hat mich sehr inspiriert.“ Und für den unverwechselbaren Zungenschlag der nassforschen Mia nahm Albus ihre „geliebt-gehasste“ Chemielehrerin zum Vorbild. Aber den eigentlichen Anstoß gaben der Alleinerziehenden die drei Töchter: „Schauspielerei ist ja total familienfeindlich. Da habe ich gedacht, ich muss mich selbstständig machen, um mir den Job familienfreundlich zu gestalten.“

Sie selbst war als Kind der Familienclown. „Man muss ja gucken, welche Rolle in der Familie noch nicht besetzt ist, damit man überhaupt wahrgenommen wird in diesem Kindergetümmel.“ Während der Ausbildung wollte sie noch ernste Rollen übernehmen. „Andorra von Max Frisch. Oder Maria Stuart, aber egal, was ich gespielt habe, es haben immer alle gelacht.“ Da hat sie die Not zur Tugend gemacht. Bereits damals an der Schauspielschule, für die sie mit 18 von Attendorn nach München zog. „Diese Schickimicki-Stadt war ein Kulturschock für eine Sauerländerin“.

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Lioba Albus in ihrer Paraderolle der Sauerländerin Mia Mittelkötter isst für ihr Leben gerne Pumpernickel. Wir durften sie bei einer exklusiven Führung in einer Gelsenkirchener Brot-Fabrik begleiten.

„Westfälischer Pumpernickel ist heute so etwas wie der Champagner“, wirft Thomas Gill ein, während er durch die würzig-duftende Backstube führt. Vielleicht vom Geschmack her nicht ganz so prickelnd, aber vom Gesetz her ähnlich, seitdem das Brot im vergangenen November das EU-Siegel „geschützte geografische Angabe“ bekommen hat. So wie nicht jeder seinen Schaumwein Champagner nennen darf, dürfen nun auch nur eine Handvoll Bäcker aus der Region ihr Schwarzbrot als Westfälischen Pumpernickel anbieten.

Zurück nach Westfalen ans Theater in Dortmund ging Lioba Albus nach der Schauspielschule. „Aber das war nicht meine Welt, zu konservativ, zu männerdominiert. “ Aber in die Mentalität der Menschen im Revier habe sie sich verliebt: „Diese direkte Art, das ist meins: Einmal dem Leben ins offene Herz packen.“

„Backen, backen und noch mal backen“, erklärt der Prünte-Chef. Und nichts wegwerfen! Scheiben, die nicht so akkurat geschnitten sind, kommen wieder in den Brotteig. „Wir Westfalen haben es ja gerne, wenn es keine Reste gibt“, sagt Mia Mittelkötter. „Hätte ich mal die ,Krümmels’, die ich immer beim Frühstück im Bett mache, aufgehoben.“ Sie mag es schlüpfrig. So kommen ihr später beim Anblick des langen „Pumpernickel-Stängels“ katholisch unfeine Gedanken . . .

Wenn Opfer zum Täter werden

„Ich gehe gerne unter die Gürtellinie“, sagt Lioba Albus über ihren Humor: Sexistisch sei die Gesellschaft sowieso. Das sei auch eine Form von Macht, die sie zu entlarven versuche. Außerdem sei ihr meist älteres Publikum nicht so verkrampft, ginge nicht mit diesem Leistungsdruck ins Bett wie viele Jüngere. „Meine Zuschauer haben zwar ihre Tabus. Aber wenn einer sie bricht, darf mal dreckig abgelacht werden“, sagt Albus. „Wer Weizenbrot will, soll eben in ein anderes Programm gehen.“

Fehlt nur noch das „Gürksken“. Mia Mittelkötter beim Verkosten des frischen Pumpernickels, der gar nicht so trocken ist wie zuvor gedacht. Foto: Lars Heidrich

Viele Menschen im Revier mögen aber die kernige Sauerländerin. Die Eintrittskarten verkaufen sich wie geschnitten Brot. Ihr Erfolgsrezept? „Ich drehe eine Opferrolle um und mache sie zum Täter. Das ist befreiend. Und alles, was befreit, das lädt zum Lachen ein.“

Außerdem kann sie als Mia Mittelkötter Dinge sagen, die sie als Lioba Albus nicht sagen kann. „Pumper“, so meint die Mia, heiße auf Sauerländisch „Furzer“. „Der Sauerländer ist ja, was diese Stoffwechselprodukte angeht, nicht so zimperlich.“

Hand aufs Herz, Frau Mittelkötter, mögen Sie Pumpernickel heute noch? „Ich bin eine, die beim Brot gerne kaut.“

Lioaba Albus live sehen

Einige Auftritte im Revier sind in naher Zukunft bereits ausverkauft. Weitere Termine: 28.2. Waltrop, Stadthalle; 6.3. Castrop-Rauxel, Aula des Adalbert-Stifter-Gymnasiums; 13. + 14.3. Hagen, Hasper Hammer

Maren Schürmann

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2015-01-23 16:13
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