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Sex und Tod und Gabelzinken

04.11.2011 | 17:09 Uhr
Sex und Tod und Gabelzinken
Vier Zinken machen eine Gabel. Bill Bryson fragte, warum. Foto: imago

Essen.   Bill Bryson hat mit „Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“ das amüsantesteSachbuchdes Jahres geschrieben. Er führt den Leser durch sein Haus, um die Räsel zu erklären von Besteck oder Betten.

Wäre dieses Buch ein Partygast bei Ihnen daheim, würden sich die Gäste willig drum herum scharen und gierig an seinen Lippen hängen. In den frühen Morgenstunden wäre man schön betrunken, aber noch längst nicht fertig. Niemand hätte viel erfahren, das ihn im Leben viel weiter bringt, aber jeder fühlte sich bereichert und wunderbar unterhalten. So ist das mit allen Büchern des Amerikaners Bill Bryson, der uns schon Shakespeare erklärt hat, das Universum im Allgemeinen und England im Besonderen. Elegante Parlierer wie er kommen selbst dann nicht aus ihrem gelehrten und bereichernden Plauderton heraus, wenn sie die eigenen vier Wände gar nicht erst verlassen.

Deshalb hat er „Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“ als eine Führung durch sein Haus angelegt, ein Landpfarrhaus von 1851. Bevor wir losgehen, um zu lernen, seit wann die Menschen in Betten schlafen oder warum sie telefonieren und letztlich nicht erfahren warum eine Gabel vier Zinken hat, schweift Bryson ab. Er tut’s, um uns die Spezies der englischen Landpfarrer vorzustellen, denen wir Meilensteine auf den Gebieten der Forellenfischerei, Terrierzucht und Wahrscheinlichkeitsrechnung verdanken, die sich aber herzlich wenig um die Bedürfnisse ihrer Schäfchen scherten. Es ist faszinierend, Bryson bei seinen Abschweifungen zu folgen, die sich auf 600 Seiten strecken.

Auch wenn man in manchen Räumen des Hauses enttäuscht wird, zum Beispiel im Schlafzimmer. Darüber, was sich in den Betten unserer Ahnen abgespielt haben mag, weiß der Forscher wenig zu berichten, außer, dass es oft aus unerwünschten Gründen kribbelte und krabbelte. Und dass die Kinder zur viktorianischen Zeiten oft am Fußende des Elternbettes nächtigten – und manchmal Zeugen überraschender Tuchfühlungen wurden. Viel lustvoller hingegen berichtet er, dass in Schlafzimmern viel gestorben wurde – was den Restplatz des Schlafzimmerkapitels mit Aufbahrungs- und Bestattungsgepflogenheiten füllt. Wenig Sex, viel Tod, man könnte meinen, der Mann sei Engländer.

Nichtsdestotrotz: Bryson gelingt es, das vielleicht überflüssigste Sachbuch des Jahres zu schreiben. Gewiss aber ist es auch das amüsanteste.

  • Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge. Goldmann, 640 Seiten, 24,99 Euro

Georg Howahl

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2011-11-04 17:09
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