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Repair-Cafés hauchen alten Kaffeemaschinen neues Leben ein

24.01.2015 | 13:14 Uhr
Repair-Cafés hauchen alten Kaffeemaschinen neues Leben ein
Der Medizinstudent Nikolas von Kameke lässt sich von Gerda Niche zeigen, wie er einen neuen Reißverschluss in seine Windjacke näht.Foto: Knut Vahlensieck

Witten.   Statt im Mülleimer landen immer mehr kaputte Toaster und Stühle in einem Repair-Café. Hobby-Handwerker helfen beim Schrauben. Ein Besuch in Witten.

Was ist das denn? Ein mittelalterliches Foltergerät? Das war der erste Gedanke, der dem Hobby-Handwerker Gabriel Dolderer durch den Kopf schoss, als der alte Hut-Weiter vor ihm stand. Ein Gerät, auf das die ortsansässige Hutmacherin Bärbel Wolfes-Maduka nicht verzichten wollte , für dessen Reparatur sie aber keinen Elektriker fand. Der 32-jährige Eventmanager, der schon immer gern mit seinem Vater gebastelt und geschraubt hat, erkannte den Fehler. Nun heizt der Hut-Weiter wieder. Und Bärbel Wolfes-Maduka ist so dankbar, dass sie nun im Repair-Café auftaucht und erklärt: „Ich biete meine Hilfe an.“

Statt Wasserkocher mit Wackelkontakt oder wackelige Stühle zu entsorgen, wollen die Menschen im Repair-Café ihnen neues Leben einhauchen. Studenten haben sich in Witten zusammengetan, aber auch ein Tischler ist unter den Organisatoren. Die Idee ist in den Niederlanden geboren, heute gibt es Repair-Cafés in ganz Deutschland und auch in unserer Region haben einige eröffnet.

Gabriel Dolderer (vorne) hat schon als Kind mit seinem Vater gerne geschraubt und gebastelt. (Foto: Knut Vahlensieck)

„Ich bin gelernte Schneiderin, also wenn mal eine Naht offen ist, kann ich helfen“, sagt die Hutmacherin und fügt augenzwinkernd hinzu: „Reißverschlüsse würde ich allerdings ausschließen.“

An diese Arbeit wagt sich ein Medizinstudent. Nadel für Nadel durchsticht Nikolas von Kameke den Stoff seiner alten Windjacke, die noch viel zu schade ist zum Wegwerfen. „Nur weil sie sich nicht mehr schließen lässt.“ Der Schuster habe 55 Euro für die Reparatur gewollt. Jetzt macht der Student es lieber selbst und fixiert den neuen Verschluss unter den prüfenden Augen von Gerda Niche, bevor er eine Station weiter zur Nähmaschine geht. „Das lerne ich jetzt fürs Leben“, sagt Nikolas von Kameke. Der 24-Jährige und die 64-Jährige wären sich wahrscheinlich ohne das Repair-Café nie im Leben begegnet. Aber nun meint Gerda Niche: „Vielleicht trifft man sich mal in der Stadt und sagt Hallo.“

Dieses Mal hat es noch nicht funktioniert. Aber Stefanie Wegmann gibt nicht auf und erkundigt sich bei Hobby-Handwerker Hartmut Niche nach dem richtigen Ersatzteil. (Foto: Knut Vahlensiek)

Ihr Mann Hartmut Niche ist seit dem Café-Start im Herbst dabei. Ein altes Radio von 1950 hat ihn besonders herausgefordert. „Das ist wie Rätsel lösen“, sagt der 68-Jährige – diesem alten Kasten muss man doch wieder ein paar Töne entlocken können. Nun schraubt er eine Maschine für Kaffeepads auf. Was hätte die Besitzerin sonst mit dem kaputten Gerät gemacht? „Weggeschmissen, neu gekauft“, sagt Stefanie Wegmann.

Reparieren konnte Hartmut Niche das Gerät dieses Mal zwar nicht, aber einen Tipp geben, wo sie das defekte Ersatzteil herbekommt. Enttäuscht? „Nein“, sagt die 35-Jährige bestimmt. „Das war nur mein erster Versuch.“

Eine der Initiatoren in Witten ist Tasja J. Lutz (Mitte). (Foto: Knut Vahlensieck)

Vom 14-Jährigen bis zum Rentner schrauben und basteln sie an kaputten Fahrradreifen, an einer Heizplatte eines Induktionsherds oder an einem Weihnachtsbaum. „Andere würden ,kitschig’ dazu sagen, ich hänge daran“, so Heike Meyers (54), die sich wünscht, dass die Keramikdekoration wieder leuchtet. Bezahlen muss man die Hobby-Handwerker nicht, Spenden sind erwünscht. Und die Unterschrift unter dem Formular zur „Haftungsbegrenzung“ verpflichtend.

Der Treffpunkt des Wittener Repair-Cafés ist das Arbeitscafé „[...]raum“, das selbst ein ungewöhnliches Projekt ist: Ein Verein leitet es und gibt Menschen Raum, die dort in Ruhe arbeiten, sich über Ideen austauschen möchten. Im hinteren Teil des Cafés können Studenten einen Schreibtisch mieten, für 120 Euro im Monat.

Das Licht brennt wieder

„Jaaaa“, ruft eine Frau erfreut. Das Licht an ihrem Waffeleisen brennt wieder. Ein leicht zu behebender Kabelbruch war die Ursache, erklärt Gabriel Dolderer. Dabei hatte ein Elektriker der Frau gesagt: „Das lohnt sich nicht, kaufen sie sich was Neues.“

Repair-Café in Witten: Im Arbeitscafé [...]raum, Wiesenstr. 25, jeden zweiten Sonntag, nächster Termin: 25. Januar 2015, 14-18 Uhr.

Eine Übersicht der Repair-Cafés finden Sie unter: repaircafe.org/de/

Maren Schürmann

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2015-01-24 13:14
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