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Pferde-Freunde galoppieren über die Halde Zollverein 4/11

18.03.2016 | 21:04 Uhr
Pferde-Freunde galoppieren über die Halde Zollverein 4/11
Claudia Starick reitet mit ihrem Pferd Joschy auf der Halde aus. Hund Chila hat ein Stöckchen gefunden.Foto: Lars Heidrich

Essen   Claudia Starick reitet mehrmals in der Woche auf ihrem Irish Tinker „Joschy“ über die Halde Zollverein 4/11 auf der Grenze zwischen Gelsenkirchen und Essen.

Ihr langes, blondes Haar hat Claudia Starick zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aber Joschys weiße Mähne weht im Wind, während seine Hufen über den Weg donnern. Vorne weg rennt mit heraushängender Zunge Chila, die junge Altdeutsche Schäferhündin. Die drei machen alle zwei Tage zusammen einen Ausflug auf „Zollverein 4/11“. „Der Boden ist relativ hart“, schwärmt Claudia Starick. „Man kann auf der Halde bei jedem Wetter reiten.“

Der Hügel auf der Grenze zwischen Gelsenkirchen und Essen war für sie einer der Gründe, vor einem Jahr einen Stall auf dem Gut Nienhausen zu mieten. Denn ­direkt neben dem Reitpark geht es bergauf. Das sei etwas Anderes als ein Ausritt auf anderen Reitwegen, „auf dem platten Land“. Überhaupt sei es so schön, an der frischen Luft zu sein – mitten im Ruhr­gebiet: „Wir müssen raus“, betont die Physiotherapeutin. „Ich bin keine Hallenreiterin.“ Die Tiere stimmen auf ihre Art zu: Joschy probiert das Gras am Wegesrand, während Chila mit den Zähnen ein Stöckchen aus einem Busch zieht.

Wie in einer anderen Welt: Claudia Starick genießt den Ausflug mit ihrem Pferd Joschy auf der Halde Zollverein 4/11. Hund Chila ist stets bei Fuß. Pardon: bei Huf’. Foto: Lars Heidrich

Wie der Name „Zollverein 4/11“ schon verrät, wurde an dieser Stelle einst das Bergematerial der berühmten Zeche aufgetürmt. Aber das taube Gestein kam nicht direkt aus dem Schacht XII, dem heutigen Weltkulturerbe, sondern von der Anlage 4/5/11, die 1967 geschlossen wurde. Der Hügel ist der größte unter den Zollverein-Halden.

Nicht nur die 43-Jährige aus Katernberg nutzt diese Gelegenheit für einen ­Ausritt. Sie zeigt auf die Trabrennbahn, die direkt neben der Halde liegt. Über den Hügel führt eine „Traber-Schleife“. Die ­etwa zwei Kilometer lange Trainingsstrecke kreuzt die Wanderwege. Da Schilder fehlen, bleibt man verwundert stehen: Welcher Weg ist für Fuß­gänger? Welcher für Pferde? Man sollte nicht den falschen wählen. Zumal ­Claudia Starick begeistert ruft: „Da kann man prima drübergaloppieren.“

Kleiner Tipp: Der Wanderer wählt den Schotter, das Pferd den Sand.

Die Wahrscheinlichkeit, dass man Menschen trifft, die mit ihren Hunden spazieren gehen, ist eh größer. „Viele Traber sind hier nicht mehr.“ Pferdewetten waren mal populärer, als die Trabrennbahn 1912 startete. Die Kriege hat der Gelsen-Trab-Park aber überlebt. Im Gegensatz zu dem benachbarten Sportflughafen Rotthausen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hier zunächst ein Flugverbot. Auf das ehemalige Rollfeld wurde das Bergematerial geschüttet.

Claudia Starick galoppiert mit Joschy über die Halde. Vorne weg: Chila. Foto: Lars Heidrich

Joschy schnaubt. „Das machen Pferde, wenn sie warm und locker werden. Jetzt ist er bereit zu arbeiten“, scherzt Claudia Starick. Der Irish Tinker war einst beliebt bei Menschen, die viel umherreisten. Ein stattliches Arbeitstier, das aber in den vergangenen Jahren auch als Freizeittier immer mehr Fans fand. „666 Kilo wog er beim letzten Wiegen“, sagt Claudia ­Starick. Aber Joschy ist ein Engel, den sie nicht missen möchte.

Claudia Starick ritt bereits mit 15 auf ihrem eigenen Pferd, Joschy ist 19 Jahre alt. „Trainierte Reitpferde sind ja schon nach 15, 16 Jahren durch“, sagt sie. „Joschy wird hoffentlich mal so um die 30.“ Liebevoll streichelt sie dem „alten Burschen“ über die dunklen, wachen Augen.

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Das schwarz-weiße Pferd bleibt stehen. Muss sich erleichtern. Schwarze Tütchen, wie vorbildliche Hundebesitzer sie dabei haben, hat Claudia Starick für Pferdeäpfel nicht in der Tasche. „Das zersetzt sich recht schnell“, entschuldigt sie. „Und es ist bei weitem nicht so eklig wie bei Hunden.“ Außerdem beliebt bei Hobbygärtnern.

Eine Mountainbikestrecke

Sie reitet vorbei an selbstgebauten Rampen. Über eine umgestürzte Birke führt eine Brücke, an anderer Stelle ist die Erde aufgeschüttet. „Eine Mountainbike-Strecke“, erklärt Claudia Starick. Eine nicht offizielle. Doch nicht Kinder hätten hier gebaut, sondern gestandene Männer um die 30, die mit hohem Tempo abwärts brausen.

Während Claudia Starick über die ­Halde reitet, entdeckt sie noch mehr Ungewöhnliches: Da vorne in den Büschen steht ein Zelt. „Es muss mal einem Obdachlosen gehört haben, aber dort hat sich lange nichts mehr getan.“ An anderer Stelle kann sie einen Blick auf die Gelsenkirchener Justizvollzugsanstalt werfen. „Ich bekomme schon mal Kommentare rübergerufen, aber meist verstehe ich das nicht.“

Claudia Starick und ihr Irish Tinker Joschy. Foto: Lars Heidrich

Claudia Starick zieht an den Zügeln, ­Joschy bleibt stehen. Zusammen schauen sie in die Ferne. Die Fatih-Moschee liegt neben der Halde an der Schalker Straße. Der Zollverein-Förderturm ist nicht weit. Der Revierpark Nienhausen und die ­Taubenklinik – für „das Rennpferd des kleinen Mannes.“ Auch die Skyline von Essen mit seinem Rathaus ist zu sehen – theoretisch. Denn an diesem Ausflugstag sieht man fast nichts. Es ist zu diesig.

Doch selbst wenn der Himmel aufreißt, kann man an vielen Stellen zwischen den Ästen und Zweigen nur erahnen, was ­dahinter verborgen liegt. Wenn es jetzt wärmer wird und die Bäume und Büsche Blätter bekommen, ist auch das vorbei. „Im Sommer verwandelt sich das hier in ein grünes Paradies“, sagt Claudia Starick lächelnd. Da habe sie gar nicht mehr das Gefühl, in Deutschland zu sein, da wachse so viel auf der Halde. „Ich kann gar nicht sagen, wie die Blumen alle heißen.“

 

Maren Schürmann

Kommentare
20.03.2016
14:23
Pferde-Freunde galoppieren über die Halde Zollverein 4/11
von Ogun | #1

Sehr schön, hoffentlich entfernt sie auch den Pferde- und Hundekot.

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2016-03-18 21:04
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