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Nada Surf genießen es, unterschätzt zu werden

27.01.2012 | 19:13 Uhr
Nada Surf genießen es, unterschätzt zu werden
Machen nur hübschen Gitarrenpop: Nada Surf. v.l.n.r.: Daniel Lorca, Matthew Caws und Ira Elliot. Foto: City Slang

Essen.   Nada Surf waren jahrelang nur Indie-Rockern bekannt. Die Band zeigt, wie man sich treu bleibt und trotzdem Erfolg hat. Dahinter stecken 20 Jahre harte Arbeit – und keine Illusion darüber, dass sie den jetzt erreichten Status eigentlich nie mehr übertreffen können.

Das Trio Nada Surf beherrscht die Kunst, Songs über Hintergründiges im alltäglichen Leben zu schreiben. Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan nennt sie deshalb ihre Lieblingsband. Vier Jahre nach ihrem letzten Album mit eigenen Songs veröffentlichen die New Yorker nun „The Stars Are Indifferent To Astronomy“. Matthew Caws, Ira Elliot und Daniel Lorca beweisen mit schwelgerisch schönen Gitarren-Pop-Perlen, dass gut Ding Weile haben will. Olaf Neumann traf sie in Berlin.

Nada Surf hat in Europa einen relativ hohen Bekanntheitsgrad. Sie gelten hier als Helden der Indie-Szene. Befeuert das Ihre Kreativität?

Matthew Caws: Von solchen äußerlichen Dingen sollte man sich grundsätzlich frei machen. Der einzige Plan war diesmal, uns diese spezielle Energie zu bewahren, die am Anfang des Schaffensprozesses in uns brodelte. Zu dem Zeitpunkt spielen wir nämlich immer eine Spur wilder als sonst. Im Studio müssen wir davon ein bisschen Abstand nehmen, wir wollen ja etwas Perfektes erschaffen, ohne uns dabei künstlerisch einzuschränken. Wenn wir die neuen Sachen live spielen, ist es immer ein Gefühl, als kämpfte die wilde Live-Band Nada Surf gegen ihr würdevolles Studio-Alter Ego. Diese beiden Seiten wollten wir mit der neuen Platte einmal aufzeigen.

Man hat den Eindruck, Nada Surf wollten nie das größte Ding der Welt sein, es ging Ihnen scheinbar immer nur darum, Musik zu machen. Sind Sie mit dem Jetzt-Zustand zufrieden oder müsste es noch größer werden?

Caws: Ich bin voll und ganz zufrieden mit dem, was wir bislang erreicht haben. Ich bin stolz auf all die Konzerte, die wir gespielt haben. Ich führe ein ziemlich normales Leben. Wären wir Superstars geworden, würden unsere Songs vielleicht gar nicht mehr authentisch klingen. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass wir ein bisschen unterbewertet sind, macht es mir großen Spaß, ein Underdog zu sein. Ich kann mich nicht beschweren, die Miete konnte ich immer bezahlen. Und hungern muss ich auch nicht.

Ira Elliot: Dafür haben wir auch 20 Jahre lang hart gearbeitet. Wir haben überall mindestens zweimal gespielt. Mit einer Band wie Nada Surf wirst du halt kein Megastar. Wir wollen auch gar keine Pop-Produkte sein, unser Anspruch ist, die Leute mit guter Musik zu unterhalten. Das ist natürlich eine Idee von gestern, aber wir sind eben nicht Musiker geworden, um irgendwann mit Gold-Lamé-Boots auf die Bühne gehen zu können. Es tut mir leid, dass wir nicht mehr zu bieten haben als schöne Musik. (lacht)

Wie schafft man es, neugierig und geistig rege zu bleiben, wenn man mit seinem Leben und seiner Arbeit zufrieden ist?

Caws: Die Vorstellung, dass es einem Künstler schlecht gehen muss, um große Kunst herstellen zu können, ist ja ein Klischee. Aber meine Erfahrung ist: Die Probleme finden dich von allein, du musst ihnen nicht hinterherlaufen. Viele Songwriter meinen, sie würden immer wieder denselben Song schreiben. Ich auch. Deshalb will ich bestimmte Stücke nicht mehr machen.

Nada Surf gibt es seit 1992. Stellen Sie sich manchmal die Frage: Warum mache ich noch Musik? Bin ich überhaupt noch relevant?

Caws: Nein. Ich glaube, wir sind heute genauso wenig beziehungsweise genauso sehr relevant wie eh und je. Technisch gesehen ist Nada Surf eine Indie-Rockband. Aber das spielt eh keine Rolle mehr. Es ist sinnlos, über Relevanz nachzudenken. Da gehe ich lieber ein Sandwich essen.

„Nada Surf“ bedeutet im Spanischen so viel wie: sich aus einer Depression befreien. Sie sagten einmal über sich selbst: „Ich bin ein manisch Depressiver ohne die Depression“. Machen Sie griesgrämige Musik für Schwermütige?

Caws: Ich glaube, das Zitat habe ich von John Steinbeck geklaut. Ist nicht jeder von uns auf seine Art ein bisschen unausgeglichen? Man muss einfach lernen, seine bizarre Seite zu kontrollieren, damit sie dein Leben nicht bestimmt. Davon abgesehen finde ich all unsere Platten optimistisch, auch wenn sie für Außenstehende ein bisschen deprimierend klingen. Leonard Cohen hat den Ruf, ein selbstmordgefährdeter Typ mit Rasierklinge in der Hand zu sein. Aber seine Songs klingen für mich allerliebst.

Der hintergründige Albumtitel „The Stars Are Indifferent To Astronomy“ ist ein Zitat Ihres Vaters, einem Philosophieprofessor. In welchem Zusammenhang benutzte er diesen Satz?

Caws: Den Satz sagt mein Vater oft vor seinen Studenten, um etwas aus der Philosophie zu illustrieren. Zum Beispiel, dass einem Hund nicht bewusst ist, dass er ein Hund ist. Oder dass die Natur nicht weiß, wie wir Menschen über sie denken. Wir urbanen Menschen klinken uns mehr und mehr aus der Natur aus. Durch Meditation versuche ich, wieder eine Verbindung zu ihr zu bekommen. Die Natur macht mich bescheiden und demütig. Durch die Stürme und Überschwemmungen sieht man, wie klein wir Menschen sind. Auf der anderen Seite leben wir in einem unendlichen virtuellen Paralleluniversum.

  • Nada Surf: The Stars Are Indifferent To Astronomy (City Slang/Coop). Live: 28.2., Köln

Olaf Neumann

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