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Mit Fritz Eckenga auf seiner Lieblingshalde in Dortmund

26.02.2016 | 14:17 Uhr
Mit Fritz Eckenga auf seiner Lieblingshalde in Dortmund
Beim Fotoshooting auf der Halde in Dortmund setzt sich Fritz Eckenga selbst ins Licht – und spielt mit dem Blitz.Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Wir trafen den Kabarettisten Fritz Eckenga auf dem Deusenberg und sprachen mit ihm über sein neues Programm: „Frisch von der Halde“.

Wenn man Fritz Eckenga fragt, wo er die Ideen zu seinem neuen Programm hergenommen hat, dann kann er ohne mit der Wimper zu zucken sagen: „Frisch von der Halde“. Denn so lautet der Titel – und ein bisschen trifft er auch, wie Eckenga selbst zugibt, die Entstehung seiner aktuellen Abendunterhaltung. „Für mich ist die Halde eher die Texthalde, die sich bei mir zu Hause ansammelt. Weil ich ja regelmäßig schreibe. Immer. Wöchentlich. Mehrfach. Und wenn dann ein neues Programm ansteht, dann besteige ich diese Halde und sichte, was den Tag überlebt hat. Und die Texte, die ich für relevant halte, nehme ich von der Halde herunter.“

Es ist allerdings ein böswillig in die Welt gesetztes Gerücht, dass Eckengas Schreibproduktion zum Teil für die Höhe seiner eigenen Lieblingshalde, des Dortmunder Deusenbergs, verantwortlich ist. Denn für eine Erhebung, die 55 Meter über die Umgebung hinausragt, von der aus man vom Dortmunder Stadion bis zur Gelsenkirchener Arena blicken kann, also zwischen den beiden großen Fußballpolen des Reviers hin und her, müsste man schon ordentliche Textberge in die Tasten hauen.

Begrünter Schrott

Allerdings . . . So ganz unbeteiligt an der Entstehung des Deusenbergs ist Eckenga auch nicht: „Ja, also ich würde mal sagen: Drei Kubikmeter sind von mir.“ Angekarrt bei diversen WG-Auflösungen der 70er-Jahre, hat er hier einiges an Schrott und Sperrmüll abgeladen. So wie die anderen Dortmunder auch, denn der Deusenberg ist keine Bergehalde, sondern eine Mülldeponie. Nur heißt sie nicht mehr so, was ja irgendwie auch schöner ist. Und dem heutigen Erholungscharakter deutlich gerechter wird. „Die Leute, die hier heute hochkommen, ahnen nicht ansatzweise, was unter dem bisschen Gras, das da heute wächst, alles liegt“, meint Eckenga. Tatsächlich wird der Deusenberg heute als Mountainbike-Park genutzt, offizieller Titel „EDG Mountain Bike Arena“, wobei Auswärtige wissen müssen, dass EDG für Entsorgung Dortmund GmbH steht. Der künstlich angelegte Parcours auf dem Gipfel verrät es, die Schanzen, die kahlgefahrenen Strecken – und natürlich die beiden Mountainbiker, die uns beim Aufstieg entgegenkommen.

Fritz Eckenga habe auch zum Wachsen der Halde beigetragen. Foto: Ralf Rottmann

Einem Kabarettisten wie Eckenga kann es, wie übrigens allen anderen auch, nicht schaden, von Zeit zu Zeit eine höhere Perspektive einzunehmen. Damit man den Kopf frei bekommt, neue Blickwinkel entdeckt – und die Übersicht behält darüber, wie es im Lande steht. In gewissem Sinne hat Eckenga das in seinem neuen Programm getan, denn ein paar Passagen hätte man bei einem Kabarettisten wie ihm eher nicht erwartet. Kostprobe gefällig? „Ja – ich freue mich heute schon darüber, dass es da mit der Kanzlerin wenigstens eine Person in leitender Funktion gibt, die ab und zu relativ gelassen so’n paar Selbstverständlichkeiten von sich gibt. Etwa, dass man Menschen, denen es dreckig geht, gefälligst zu helfen hat. Sagen wir mal so: Es ist noch nicht so irrsinnig lange her, da musste man sich schon etwas mehr Mühe geben, um unter Extremismusverdacht zu geraten. Heute reicht es, wenn man zivilisatorische Standards einfordert.“

Ein Kabarettist also, der Angela Merkel in Schutz nimmt? „Ja – da lachsse dich kaputt, ne? So weit ist es gekommen, dass ich mich dafür zuständig fühle“, sagt Eckenga auch auf der Bühne. Dass solche Überlegungen nicht immer einfach und bequem fürs Publikum sind, das versteht sich von selbst. Aber im Kabarett geht es eben auch oft darum, ernste Themen anzusprechen – und das traut sich Eckenga gleich am Anfang von „Frisch von der Halde“, wenn das Publikum noch ausgeruht ist. „So wie früher bei den Hausaufgaben: Also nicht erst das, was uns leicht fällt, sondern die schweren Sachen direkt am Anfang weghauen – dann könn’ wir schneller raus zum Spielen.“

Was konkret heißt: Natürlich wird auch ordentlich gelacht, aber eben nicht ausnahmslos.

Genau das ist aber auch die Qualität, die Eckenga auszeichnet: Er ist kein plumper Witzereißer, sondern ein unterhaltsamer Nachdenker, was ihm nicht zuletzt im Jahr 2011 den Literaturpreis Ruhr eingebracht hat. Und nicht nur das: Bekannt geworden als Mitglied des Rocktheaters N8chtschicht, für die er unter anderem den cholerischen Bademeister gab („Eh!!! Spring nich vonne Seite rein, Kollege! Machse datt zu Hause auch?“), hat er später viele unvergleichliche Radiofiguren geschaffen, unter anderem den lispelnden Baumarktleiter Peter-Hans Kaltenbecher, als paffender Fußballmanager A. („Und da kannste ja inner Halbzeitpause mal ne Viertelstunde drüber nachdenken... Viertelstunde? Schaffst du schon...“). Figuren, die typisch sind fürs Ruhrgebiet. Und die eine Menge zu erzählen haben über die Region, in der wir leben.

Beobachter des Strukturwandels

Auch in dem Moment, in dem wir oben stehen auf dem Deusenberg und hinabschauen, beginnt Eckenga zu erzählen über seine Stadt – und über den schwach im Dunst erkennbaren Dortmund-Ems-Kanal: „Der wurde von Kaiser Wilhelm eingeweiht. Der diente einst dazu, das Erz in die Stadt zu schaffen, damit es hier verhüttet werden konnte, in der Westfalenhütte, auf Phoenix . . . Und das Irre ist: Als der Stahl hier erledigt war, sind die Chinesen gekommen, haben die Stahlwerke abgebaut und sie über denselben Wasserweg zu den Nordseehäfen gebracht, dann nach China verschifft – und dort wieder aufgebaut.“ Eckenga selbst ist ein Beobachter des Strukturwandels, in dessen Mitte man praktisch auf dem Deusenberg steht, denn zu unseren Füßen kann man unter anderem den Malakowturm der Zeche Fürst Hardenberg erkennen und die Zeche Minister Stein, die erstere schon 1960 geschlossen, die zweite 1987. „Vor den Zechenschließungen fuhren die Schiffe die Steinkohle aus der Stadt heraus, heute fahren sie sie hinein“, stellt er fest.

Dabei ist Eckenga als Kabarettist ja selbst ein ganz gutes Beispiel für den Wandel des Ruhrgebiets: Als die Industrie begann, sich zurückzuziehen, als die Zechen und Hüttenwerke schlossen, suchten junge Männer ihr Glück eben nicht mehr unter Tage oder am Hochofen – sondern in der Unterhaltungsbranche. Und dass uns dieser Strukturwandel dann einen nachdenklichen Spaßmacher wie Eckenga beschert hat, das ist nun mal wirklich eine positive Seite des Strukturwandels.

Georg Howahl

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Mit Fritz Eckenga auf seiner Lieblingshalde in Dortmund
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2016-02-26 14:17
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