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50 Jahre Mauerbau

Karaoke auf dem Todesstreifen

12.08.2011 | 18:54 Uhr
Karaoke auf dem Todesstreifen

Berlin.   Der Mauerpark zwischen Wedding und Prenzlauer Berg ist ein Anziehungspunkt für die Jugend der Welt und ein Biotop für Bekloppte geworden. Schon haben Immobilienunternehmer ein Auge auf den attraktiven Streifen geworfen .

Wenn der Mauerpark eine Sekte wäre, dann hieße ihr Chef-Guru Joe Hatchiban. Vor drei Jahren schlurrte der irische Fahrradkurier zum ersten Mal mit zwei großen Lautsprechern und seinem tragbaren Computer in das kleine Amphitheater auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen den Stadtteilen Wedding und Prenzlauer Berg. Und legte auf. Michael Jackson. Jim Morrison. Die Beatles. Snoop Dog. AC/DC. Madonna. Was die Computer-Dateien eben so hergaben. Na und? Mucke aus der Konserve – kann doch jeder. Joe wollte mehr. Und animierte das Volk zu Gesang; frisch aus der Freiwilligen-Kehle. Das war die Geburtsstunde der schrägsten Freiluft-Karaoke weit und breit.

Graue Betonschulter

An schönen Sams- und Sonntagen kommen bis zu 50 000 Berliner und Touristen auf das acht Hektar große Areal, wo einst Berlin-Ost Berlin-West die graue Betonschulter zeigte. Dann kam Gorbi und ‘89. Die Mauer fiel. Der Park gedieh zur Völkerverständigungsidylle. Heute werden hier allenfalls Grenzen des guten Geschmacks übertreten.

Seit es der Mauerpark in den Youtube-Kanal und die Rucksackreisen-Fibel Lonely Planet geschafft hat, kommt die Jugend der Welt, als sei es ein Wallfahrtsort, und erzeugt eine Atmosphäre, die europaweit vielleicht noch der Camden Market in London zustande bringt. Partymeile, Trödelhalle, Bühne, Flohmarkt, Freiluft-Imbiss, Disco, Kreativwerkstatt, Liegewiese, Ausstellungshalle, Sport-Arena, Körpermalerei-Treff, Kuschelecke – der Central Park der jungen Großstadt-Hedonisten ist ein Multifunktionsraum fürs Zeigen und Hergezeigtwerden. Freie Liebe inklusive; bei gutem Wetter. Mit Kondomen aus Bio-Kautschuk.

Biotop für Bekloppte

Auch der Flohmarkt gehört zum Mauerpark. Foto: imago

Wenn auf den Flächen, denen man ihre Vergangenheit als Rasen kaum mehr ansieht, Dutzende Barden gleichzeitig auf der Wanderklampfe Woodstock nachspielen, wenn ganze Selbstverwirklichungs-Geschwader sich in Trance trommeln und selbst ernannte Revolutionäre Wohlstand für alle proklamieren („Curry-Wurst-Deputat statt Hartz-IV!“), wenn über allem dann noch eine dichte Wolke aus Zazikifalafelurinhaschischundbier schwebt, dann entwickelt diese herrlich abgerockte Oase eine republikweit einmalige Betriebstemperatur.

Manchen Einheimischen ist das zu heiß. Sie meckern über Dreck, Lärm und Gerüche, rufen regelmäßig die Polizei oder wenigstens Klaus Wowereit an, auf dass der Regierende „mal ändlisch rejiert, wa“ und die Meute Mores lehrt. Kommt Wowereit aber nicht in den Sinn. Sein Spruch, Berlin = „arm, aber sexy“ – hier passt er wie der scharfe Bautzener Senf zur Bulette. Aber wie lange noch?

Immobilienunternehmer und Stadtteilplaner haben ein Auge auf den Eventpark geworfen, wollen ihn bebauen, aufhübschen, verkleinern und an anderer Stelle vergrößern, kurz: auf Linie bringen. Die selbst ernannten Herrscher dieses wunderbaren Biotops für Bekloppte wollen das nicht. Sie rüsten sich im Dick­icht der Bürokratie zum Widerstand. Einige reden sogar davon, notfalls die Mauer wiederaufzubauen. Diesmal um den Park herum. Joe Hatchiban fände das grenzwertig.

Dirk Hautkapp

Kommentare
13.08.2011
22:17
Karaoke auf dem Todesstreifen
von Herold_Albert_Schincke | #3

Zu kommentar 1 von uferkasten , am 13.08.2011 um 20:57

Es ist keine Frage von Frau Merkel,

sondern

unser System funktioniert nicht.

Wir leben in...
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