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Jung und heimatlos

03.02.2012 | 20:19 Uhr
Jung und heimatlos
„Der Russe ist einer, der Birken liebt“ – so heißt Olga Grjasnowas Debütroman. Foto: Ullstein

Olga Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, erzählt in ihrem beeindruckenden Romandebüt von einer Generation ohne Grenzen: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Fesselnd und lebendig erzählt sie von den Menschen aus unserer Mitte.

Olga Grjasnowa ist eine jener gefeierten Debütantinnen, die misstrauisch machen. So viel Lob vorweg, Studium am Leipziger Literaturinstitut, all die Stipendien, Auslandsaufenthalte – das riecht nach streberhafter Langeweile und Literaturbetriebsliebling. Das Gegenteil aber stimmt. Selten hat ein deutschsprachiger Roman so aufregend vom Jung- und Heimatlossein erzählt und so beiläufig die Frage kultureller Prägung gestellt.

„Wie heißen Sie denn?“ „Maria Kogan.“ Er betrachtete mich von oben bis unten. „Ihr Nachname ist ein wenig kompliziert, darf ich Sie Maria nennen?“ „Nein.“

Kogan ist natürlich gar kein komplizierter Nachname, Grjasnowa aber schon. Die Autorin wurde 1984 in Baku, Aserbaidschan, geboren. Sie wuchs auf im Kaukasus und zog 1996 mit ihrer Familie nach Hessen um. Soweit teilen Olga und Maria („Mascha“) die Biografie. Sie ist geprägt von den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern (Stichwort Bergkarabach), geprägt von Migration und den Erfahrungen von Sprachlosigkeit in der Fremde.

Gotteshandel mit Hase

Als wir Mascha kennenlernen, ist sie 19 Jahre alt und lebt in Frankfurt am Main; sie spricht fünf Sprachen fließend, sie studiert und will Dolmetscherin werden und lässt sich immer wieder aufs Neue entsetzen von jenen Menschen, für die Integration nicht mehr ist als „die Forderung nach weniger Kopftüchern und mehr Haut“. Mascha hat eine jüdische Mutter, ist aber nicht religiös. Und doch: Als ihr Freund Elias (ein ostdeutscher Deutscher, den Maschas Familie „Elischa“ nennt) nach einer Fußballverletzung operiert werden muss, versucht sie einen Handel mit Gott – und zertrümmert einem Hasen mit einem Stein den Schädel, gleich auf dem Grünstreifen vor dem Krankenhaus. Nur reicht Gott der Hase anscheinend nicht. Elias stirbt später an einer Blutvergiftung. Maschas Traumata brechen auf. Sie nimmt einen Übersetzer-Job in Israel an.

Grjasnowa schenkt ihrer Ich-Erzählerin eine Klarheit und Hellsicht, die sich in ihrer Sprache niederschlägt. Schenkt ihr einen zuweilen grotesken Witz und die Fähigkeit, Enttäuschungen zum Trotz stets neue Bindungen einzugehen – über alle geografischen und geschlechtlichen Grenzen hinweg, auch das erfrischend beiläufig. Vor Elias lebte Mascha ja mit der Türkin Sibel zusammen. Mit Sami, der in Beirut geboren wurde, verbindet Mascha fatale Leidenschaft. Später sucht sie bei der Israelin Tal Trost: „Seit Elischas Tod war ihre Hand auf meinem Becken, während wir mit synchronisierten Atemzügen einschliefen, das erste, was richtig war.“

Die meisten Menschen haben etwas zu verbergen

Die Figuren in Grjasnowas Roman eint nicht nur, in verschiedenen Kulturen aufgewachsen zu sein. Die meisten haben auch etwas zu verbergen, sie leben im Schatten eines Geheimnisses. Sie haben Brüder, die an Krebs starben. Oder Väter, die ihre Kinder schlugen. Oder sahen Blut fließen. Töteten, vielleicht, sogar selbst. Und doch sitzen sie da zusammen, gehen aus, feiern; in Tel Aviv genauso wie in Frankfurt. Wir sollten Olga Grjasnowa dankbar sein, dass sie uns von diesen Menschen aus unserer Mitte erzählt: so lebendig und raffiniert, dass wir ihr atemlos folgen bis zur letzten Seite. Ein Debüt, das hoffen lässt.

  • Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. Hanser, 288 Seiten, 18,90 Euro

Britta Heidemann

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