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Roman

Jeder sieht nur das, was er sehen will

14.09.2012 | 16:57 Uhr
Jeder sieht nur das, was er sehen will
Eine griechische Insel ist der Schauplatz für die Irrungen und Verwirrungen in Frayns neuem Buch. Foto: Getty

Michael Frayn hat eine bissig-böse Verwechslungskomödie geschrieben. Damit entlarvt der Autor von „Das Spionagespiel“ die Gesellschaft: Jeder sieht und hört nur das, was er sehen und hören will. Ein kluger und komischer Roman.

Was schiefgehen kann, geht hier schief: Dr. Norman Wilfred ist ein angesehener Wissenschaftler, mit dem sich eine Stiftung auf einer griechischen Insel schmücken möchte. Doch der Redner landet aus Versehen in einem Haus mitten im Nirgendwo, mit falschem Koffer und ebenso falscher Frau. Der Mann, der statt seiner das Feriendomizil beziehen wollte, wittert in der Verwechslung seine Chance: Wenn alle denken, dass er Dr. Norman Wilfred sei, warum soll er dann noch länger Oliver Fox sein?

Mit Selbstbewusstsein, gutem Aussehen und Worthülsen wird dieser lügende Tunichtgut ein Dr. Norman Wilfred, der mehr umschwärmt wird als der echte je zuvor. „Willkommen auf Skios“ heißt der kluge und komische Roman des britischen Theaterautors Michael Frayn, mit dem er die Gesellschaft entlarvt: Jeder sieht nur das, was er sehen will.

Der Mann als Projektionsfläche

Die Assistentin Nikki erhofft sich durch ihre Wahl des Redners einen Karriereschub – und einen neuen Liebhaber. Die Stiftungs-Vorsitzende sieht in ihrem Dr. Norman Wilfred den künftigen Direktor – und eine heilende Hand für ihre Verspannungen am Rücken.

Das Chaos ist vorprogrammiert. Doch selbst beim Ende überrascht der Meister der Missverständnisse, der trotz der rasanten Folge an Irrungen nicht für Verwirrungen beim Leser sorgt. Vielmehr lässt Michael Frayn ein Staunen zurück, mit welcher Leichtigkeit er neue Wahrheiten und Welten schafft. Das kann kein Zufall sein.

  • Michael Frayn: Willkommen auf Skios. Hanser, 285 Seiten, 17,90 Euro

Maren Schürmann

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